Es ist wieder mal soweit. Nacht.
Nachts ist man mehr alleine als am Tag. Oder ist es eher umgekehrt? Weil die Welt da draußen schläft und daher sowieso keine Aktivitäten stattfinden? Sowohl Tag als auch Nacht bieten Gründe des Empfindens von Einsamkeit.
Doch es gibt ja nicht „nur“ die physische Einsamkeit. Die Einsamkeit welche in der Regel Kontaktlosigkeit meint. Und zudem noch bezüglich spezifischer Bedürfnisse. Ob sozialer, ob zwischenmenschlicher Natur.
Zweifellos gibt es verschiedene Formen der Einsamkeit. Empfunden wird sie seelisch, geistig. Gibt es auch quasi inhaltliche Form von Einsamkeit? Also dann, wenn sie nicht auf physischer, auf quantitativer Ebene empfunden wird?
Gewiss.
Zum Beispiel in Trauer oder gar innerhalb einer zwischenmenschlichen, partnerschaftlichen Beziehung kann Einsamkeit durchaus intensiv empfunden werden. Gerade kann etwa körperliche, physische Nähe erst Recht Einsamkeit hervorrufen. Und eine Form von geistiger Einsamkeit ist das nicht verstanden werden. Im Zeitalter des Individualismus und der gleichzeitigen Interessenkollisionen ist diese Form der Einsamkeit ein unsere Gesellschaft prägendes Phänomen geworden. Und man könnte nun darüber debattieren, ob denn Individualismus zwangsläufig zu Interessenkollisionen führe. Nahe liegt es jedenfalls.
„Don’t let me be misunderstood“ sang auf seinem Debüt einst Joe Cocker. Im Original von Eric Burdon’s The Animals. Wenn auch nicht ganz so gemeint wie hier, und so lauten passenderweise andere Titel des Albums „With a little help from my friends“ oder „Do I still figure in your life?“. Ich mag das Album. Und nicht vorzugsweise weil Jimmi Page (Led Zeppelin), Matthew Fisher (Procol Harum) oder Steve Winwood darauf mitwirkten. Nein, weil es eine so herrliche Mischung aus Melancholie und Enthusiasmus verströmt. Man kann sich richtig vorstellen wie Cocker bei den Aufnahmen mit den Armen ruderte; bekanntermassen sein Markenzeichen neben seiner Stimme.
Sind wir eine Gesellschaft von Missverstandenen? Unverstanden obschon wir doch so zahlreiche essentielle Bedürfnisse teilen? Über solche Fragen zerbrechen sich Soziologen jahrelang die Köpfe.
Provokanterweise müsste man schon beinahe fragen, ob denn das Recht auf individuelles Bedürfnis Einsamkeit erst ausgeprägt schaffe. Nein, von diesem recht können und sollen wir nicht abkommen. Das Individuum steht sonst schon genug im Konflikt mit dem Kollektiv. Auf welche Verbindlichkeiten ließe sich da noch einigen?!
Wir alle besitzen unser Empfinden und unser Denken nur für uns selbst. Das Gesagte, das Geschriebene – ja und natürlich das Verhalten selber – die Handlungen dringen nach außen. Als wäre ein Individuum ausschließlich eine Mischung aus Eigenschaften und Handlungen. Nein, wir sind auch Denkende, sind Empfindende.
Das Leben findet im Sein statt. Man empfindet, man denkt das Leben, die Welt. Man nimmt es wahr, man verarbeitet es.
Isoliert von all dem was nach außen dringen kann, befinden sich die Gedanken.
Ja gewiss, sie lassen sich austauschen.
Doch kann man nur für sich selber denken. Und so wie dies ein ungeheuerlicher Gewinn ist, so kann es auch zum Verhängnis werden.
Wenn die konkreten Gedanken der Menschen nicht unterschiedlicher sein könnten, wenn wir auch manchem Gegenüber dem wir in unserem Leben begegnen nicht verstehen, so ist uns doch dieser Umstand der Isolation der Gedanken gemeinsam.
Jeder denkt für sich.
Alle zusammen.
Hoffen wir es zumindest . . .
Glauben wir doch weiterhin an die Illusion, verlieren wir nicht den Enthusiasmus.
„How do I feel at the end of the day?“
- „Are you sad, ’cause you’r on your’ own“