Die zunehmende Polarisierung bezüglich dem Islam findet ja nicht einfach so und irgendwie statt. Sondern bereits in einer Diskussionskultur die es mal zu nennen gilt.
Heutige Diskussionskultur sowohl auf politischer, kultureller, religiöser, grundsatzethischer Ebene zeichnet sich vor Allem durch zwei Dinge aus : Polarisierung (Verhärtung & Extremisierung der Standpunkte) und Reaktionismus aus.
Missstände veranlassen in der heutigen Diskussionskultur Menschen vermehrt zu voreiligen Schlüssen, zu voreiligen Massnahmen. Recht gegen Recht, sofort aufkommender Alarmismus bei Bekanntwerden eines Missstands. Da werden oftmals Massnahmen gefordert, welche alle Vernunft vermissen lässt. Das Unrecht eines Jenen gilt als Anlass, selber Unrecht anzutun, gilt als Anlass rechtsstaatliche Grundsätze bei Seite zu lassen. Hauptsache man ist das Problem los. Sieht man Unrecht in eigener Sache, so ist die Empörung gross und schlägt zurück.
Wohin führt eine solche Diskussionskultur? Wo ausgearbeitete Vernunft in der lauten Empörung, in extremen Statements untergehen zu scheint?
"Eine Meinung sagt noch nichts über deren Richtigkeit" und "Die Folgen eines Problems aus der Welt zu schaffen heißt noch nicht, dass deren Ursachen ebenso aus der Welt geschaffen sind, sie könnten latent nach wie vor vorhanden bleiben".
Die Individuen einer freien Gesellschaft verfügen nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch Handlungsfreiheit – besser gesagt Entscheidungsfreiheit. Man kann also sagen : innerhalb der rechtstaatlichen Gesetze gelten diese Individual-Freiheiten.
Dies, aus aufklärerischer Sicht auch die Grundlage dafür, das die Individuen in einer Basis-Demokratie ihre Regierung selber wählt.
Doch Entscheidung verlangt Verantwortung. Sich und Anderen gegenüber. Diese Verantwortung wird rhetorisch auch des Öfteren erwähnt. Aber auch das Argumentieren unterliegt Verantwortung.
Eine nicht zu unterschätzende Gefahr der Polarisierung besteht darin, dass essentielle Probleme untergehen könnten. Also Aspekte, Probleme die grundsätzlicher und langfristiger Natur sind und im Alarmismus und Reaktionismus untergehen, weil dort die Problem-Themen für sich beansprucht werden.
"Leben wir eigentlich in eine Problemgesellschaft?", muss beinahe gefragt werden. Überall Probleme, überall gegenläufige Standpunkte.
Ein typischer Effekt unserer Zeit : werden Standpunkte extrem und undifferenziert geäußert, bedarf es an Energie und Aufwand, diese extreme Standpunkte zuerst einmal argumentativ zu klären. Somit ist man schlussendlich viel mehr mit argumentieren beschäftigt, als mit der eigentlichen Problemlösung.
Das Recht eine Meinung zu äussern, sagt noch nicht über deren Richtigkeit aus. Standpunkte wollen begründet sein, damit man ihr Wahrheitsgehalt eruieren kann.
Doch allzuoft erlaubt die knappe Zeit oder Aufwand es nicht, genug differenziert zu debattieren. Umso entscheidender ist es, von Beginn weg differenziert zu argumentieren, ansonsten läuft man Gefahr, dass Debatten in eigentliche "Argumentationsschlachten" ausarten.
Das Einnehmen von Standpunkten unterliegt zu oft psychologischen Mechanismen, welche sich Beteiligte zu wenig oder gar nicht bewusst sind. Eine Meinung wird sehr oft mit der eigenen Person identifiziert, oft auch daher, weil die eigene Identität von der Thematik betroffen ist. Also "inhaltliche Befangenheit". An dieser stelle sei mal bewusst gemacht, in wie vielen Problemstellungen wir heute selbst befangen sind. Gerade in kulturellen und religiösen oder ideologischen sowie grundsatzethischen Fragen. Vor Allem Faktoren wie Zugehörigkeit spielen da eine zentrale Rolle.
Auch müsste man sich manchmal eingestehen, das es in vielen Fragestellungen keine wertneutrale Sicht, keine unabhängige Perspektive, gar Wahrheit gibt. Sondern lediglich perspektivische Positionen.