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Die  zunehmende Polarisierung bezüglich dem Islam findet ja nicht einfach so und irgendwie statt. Sondern bereits in einer Diskussionskultur die es mal zu nennen gilt.  

Heutige Diskussionskultur sowohl auf politischer, kultureller, religiöser, grundsatzethischer Ebene zeichnet sich vor Allem durch zwei Dinge aus : Polarisierung (Verhärtung & Extremisierung der Standpunkte) und Reaktionismus aus.

Missstände veranlassen in der heutigen Diskussionskultur Menschen vermehrt zu voreiligen Schlüssen, zu voreiligen Massnahmen. Recht gegen Recht, sofort aufkommender Alarmismus bei Bekanntwerden eines Missstands. Da werden oftmals Massnahmen gefordert, welche alle Vernunft vermissen lässt. Das Unrecht eines Jenen gilt als Anlass, selber Unrecht anzutun, gilt als Anlass rechtsstaatliche Grundsätze bei Seite zu lassen. Hauptsache man ist das Problem los. Sieht man Unrecht in eigener Sache, so ist die Empörung gross und schlägt zurück.

Wohin führt eine solche Diskussionskultur? Wo ausgearbeitete Vernunft in der lauten Empörung, in extremen Statements untergehen zu scheint?

"Eine Meinung sagt noch nichts über deren Richtigkeit" und "Die Folgen eines Problems aus der Welt zu schaffen heißt noch nicht, dass deren Ursachen ebenso aus der Welt geschaffen sind, sie könnten latent nach wie vor vorhanden bleiben".

Die Individuen einer freien Gesellschaft verfügen nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch Handlungsfreiheit – besser gesagt Entscheidungsfreiheit. Man kann also sagen : innerhalb der rechtstaatlichen Gesetze gelten diese Individual-Freiheiten.

Dies, aus aufklärerischer Sicht auch die Grundlage dafür, das die Individuen in einer Basis-Demokratie ihre Regierung selber wählt.

Doch Entscheidung verlangt Verantwortung. Sich und Anderen gegenüber. Diese Verantwortung wird rhetorisch auch des Öfteren erwähnt. Aber auch das Argumentieren unterliegt Verantwortung.

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr der Polarisierung besteht darin, dass essentielle Probleme untergehen könnten. Also Aspekte, Probleme die grundsätzlicher und langfristiger Natur sind und im Alarmismus und Reaktionismus untergehen, weil dort die Problem-Themen für sich beansprucht werden.

"Leben wir eigentlich in eine Problemgesellschaft?", muss beinahe gefragt werden.  Überall Probleme, überall gegenläufige Standpunkte.

Ein typischer Effekt unserer Zeit : werden Standpunkte extrem und undifferenziert geäußert, bedarf es an Energie und Aufwand, diese extreme Standpunkte zuerst einmal argumentativ zu klären. Somit ist man schlussendlich viel mehr mit argumentieren beschäftigt, als mit der eigentlichen Problemlösung.

Das Recht eine Meinung zu äussern, sagt noch nicht über deren Richtigkeit aus. Standpunkte wollen begründet sein, damit man ihr Wahrheitsgehalt eruieren kann.

Doch allzuoft erlaubt die knappe Zeit oder Aufwand es nicht, genug differenziert zu debattieren. Umso entscheidender ist es, von Beginn weg differenziert zu argumentieren, ansonsten läuft man Gefahr, dass Debatten in eigentliche "Argumentationsschlachten" ausarten.

Das Einnehmen von Standpunkten unterliegt zu oft psychologischen Mechanismen, welche sich Beteiligte zu wenig oder gar nicht bewusst sind. Eine Meinung wird sehr oft mit der eigenen Person identifiziert, oft auch daher, weil die eigene Identität von der Thematik betroffen ist. Also "inhaltliche Befangenheit". An dieser stelle sei mal bewusst gemacht, in wie vielen Problemstellungen wir heute selbst befangen sind. Gerade in kulturellen und religiösen oder ideologischen sowie grundsatzethischen Fragen. Vor Allem Faktoren wie Zugehörigkeit spielen da eine zentrale Rolle.

Auch müsste man sich manchmal eingestehen, das es in vielen Fragestellungen keine wertneutrale Sicht, keine unabhängige Perspektive, gar Wahrheit gibt. Sondern lediglich perspektivische Positionen.

Eine Auflistung sämtlicher möglicher Rollen würde den Rahmen eines Blogs freilich sprengen. Wie bereits erwähnt, können Rollen ebenso inhaltlicher wie konstitutioneller Natur sein. Konstitutionelle Rollen entsprechen denen von Berufen, Familien usw. Rollen, welche eng mit der äusserlich wahrnehmbaren Identität verknüpft sind. Dabei kann es sich auch um temporäre Identitätsindikatoren handeln (zB Beruf).

Inhaltliche Rollen (welche zugleich auch konstitutionelle Rollen sein können) werden Menschen oftmals dann gewahr, wenn sie in Gegenüberstellung äquivalenter Rollen stehen. Dies gilt besonders für jene welche sich im kulturellen, im interkulturellen aber auch im religiösen und politisch-ideologischen Rahmen bewegen.

Ein gläubiger, gar praktizierender Christ der auf einen ebensolchen Muslimen trifft und sie miteinander kommunizieren, nimmt für gewöhnlich seine spezifische Rolle ein. Das konkurrenzierende Verhältnis zueinander wird von diesen Rollen dann getragen und beide schöpfen aus ihrem argumentativen Vokabular.

Verschärft sich das konkurrenzierende Verhältnis der beiden, so geht ihre Rhetorik weit über religiöse Belange hinaus. Es offenbart sich dabei, dass Rollen stets miteinander verknüpft sind. Moralethische wie auch besonders politische Belange erweitern folglich das jeweilige Rollenbild. Dabei spricht man bestenfalls von Erweiterung des Themenkreis.

Die Frage, inwiefern Indikatoren einer Identität zur Rollenbildung und schlussendlich zur Meinungsbildung eines argumentierenden Menschen beiträgt, kann nicht mehr ignoriert werden.

Bereits Blaise Pascal der in seinen Pensées das (katholische) Christentum argumentativ verteidigt, offenbart sich an anderer Stelle in seinen Schriften wo er schrieb : „Alle Überlegungen unserer Vernunft laufen darauf hinaus, dem Gefühl nachzugeben“ (B.Pascal ‘Pensées’ ‘Nicht eingeordnete Papiere’/Serie XXIII)

Diese gewiss naiv geäußerte Aussage ist von elementarer Bedeutung. Damit relativiert Pascal zugleich seine Plädoyer’s. Dass Blaise Pascal mit dieser Aussage seine feurigen Plädoyer gleich selber relativiert, ist für uns von geringerer Bedeutung.  Die heutige Psychologie würde zudem diese Prämisse zu einem gewissen Grad bejahen und es erinnert mich indirekt wieder einmal mehr an „Motivation und Persönlichkeit“ von A.H. Maslow.

Und zwar viel weniger aufgrund seiner Motivationstheorie, sondern seines Begriffes wegen über „Selbstverwirklichung“. Dabei stellt sich für mich die dringende Frage, ob selbstverwirklichende Menschen viel weniger zur Determinierung ihrer Rollen aufgrund ihrer Identitäten neigen.

Auch selbstverwirklichende Menschen nehmen ihre Rollen ein. Doch mögen sich solche Menschen ihrer Rollen bewusster sein und sich auch „außerhalb ihrer Rollen, außerhalb ihrer Identität denken“.

Dies scheint angesichts der Erkenntnis dass Nicht-Selbstverwirklichende vielmehr auf ihre jeweiligen Rollen angewiesen sind zutreffen.

Alleine, in nächtlichen Stunden wie diesen braucht man keine Rolle anderen gegenüber einzunehmen. Könnte man überhaupt so weit gehen und kategorisch sagen „Sobald wir in Kontakt mit anderen Menschen treten, nehmen wir Rollen ein“? Auf kognitive Ebene bezogen, wäre dies durchaus zu bejahen.

Die Rollen sind vielfältig. So ist man etwa innerhalb der Familie Sohn, Tochter, Vater, Mutter, man ist Neffe, Enkel, Onkel, Tante usw. Man ist aber auch zB Stiefvater, Schwiegermutter, Schwiegersohn, Bruder, Schwester usw. Solche Rollen finden wir natürlich auch in der Arbeitswelt. Der „einfache“ Arbeiter, der Chef, das Kader (welche ja auch wiederum oft Chefs sind). In der Gegenüberstellung von Arbeitswelt und Familie erkennt man diesbezüglich leichtens, dass es zwei Grundkategorien gibt : hierarchische Rollenverteilungen und nicht-hierarchische.

Die rechtliche, die juristische Rollenverteilung ist also besonders in hierarchischen Systemen von Bedeutung, aber in letzter Konsequenz auch in nicht-hierarchischen.  Das Käufer – Verkäufer -Verhältnis etwa eines davon.

 

Doch Rollen haben mehr Gehalt als lediglich Macht oder Recht. Sie sind gerade auch inhaltlicher Natur. So nehmen in der Berufswelt Politiker, Künstler, Handwerker usw ihre Rollen ein. Diese Rollen sind oftmals von Stereotypen gezeichnet.

 

Interessant ist, dass der einzelne Mensch stets mehrere Rollen zugleich einnimmt. Ein Künstler kann also zugleich Ehemann, Vater, Käufer (& potenzieller Kunde), Verkäufer, Tourist usw sein. Vielleicht bekleidet er noch ein kommunal-politisches Amt; was also auch immer.

Wie sehr – das ist meine Themenfrage hier – definieren sich Menschen durch Rollen? Dienen sie bloß als rhetorisches Mittel, oder sind sie gar Teil der Identifikation? Wie sehr unterscheiden sich Menschen diesbezüglich?

Selber gehe ich davon aus dass sich selbstverwirklichende Menschen weniger aufgrund ihrer festen und temporären Rollen definieren.

Bei sich weniger selbstverwirklichenden Menschen fällt hingegen auf, dass Sie in Argumenten sehr oft auf die entsprechenden Rollen verweisen. Zur Klarstellung : das Maß der Selbstverwirklichung ist fliessend, man sollte diesen Begriff auch nicht allzu sehr werten.

Ein auffälliges Verweisen auf die Rollen anderer ist für mich ein deutlicher Hinweis auf mangelnde Selbstverwirklichung. Die Rollen dienen solchen Menschen also zur Identifikation. Von Belang scheinen bei solchen die jeweiligen Rollen. Das macht es für sie auch einfacher Recht und Unrecht voneinander zu unterscheiden.

Eine Thematik an die ich nächstes Mal anknüpfen werde.

Die Wahrnehmung über Welt geschieht durch unsere Sinne, durch das was wir fähig sind, wahrzunehmen. Doch nehmen wir ja nicht nur wahr, wir interpretieren, wir deuten auch. Unablässig. Und wir empfinden. Parallel dazu.

Und irgendwann trennen wir zwischen dem Wahrgenommenen, dem Empfundenen, dem Interpretiertem und dem Wissen. Wir kategorisieren, verwerfen und speichern. Zugeordnet nach Priorität. Prioritäten welche unterschieden werden in die welche Bedürfnisse fordern und die, welche nach Vernunft gesetzt werden. Manchmal sind sie miteinander konform, manchmal kollidieren sie.

Vor und nach diesen Vorgängen ist schlussendlich alles Wissen. Informationen. Durch unsereiner selbst erlebt, erarbeitet und verarbeitet. Bereit, bei Bedarf abgerufen zu werden.

So entstehen die „Ideen“ im Leben und die Verständnisse über die Welt. Wir wissen und ahnen, vermuten und vergewissern, dass Teile dieser Ideen und Verständnisse der Wahrheit entsprechen. „Suche nach Wahrheit“. Und in unserer Identität an die wir festhalten, selbst dann wenn sie verdrängt, verleugnet und verfälscht wird, sind wir uns nicht mehr so gewiss, ob die Wahrheit der Identität oder die der Welt außerhalb entspricht. Mechanismen treten in Kraft, um sich die Gedanken so einzurichten, dass sie im Verlauf immer mehr der Kompatibilität entsprechen. Wer könnte schon seine eigene Identität außerhalb der Wahrheit akzeptieren?

 

Wir ahnen, dass sich all diese Ideen, diese Vorstellungen und Verständnisse sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Berufen uns bei Bedarf auf das Recht Individuum zu sein. Alles steht parallel zueinander. Im Drang nach Kompatibilität versuchen wir diesen verräterischen Mangel aufzuheben. Und fordern es Vernunft oder Empfinden, die Dinge isoliert zu betrachten, holen uns unerwartete Ereignisse für einem Moment lang aus diesen Mechanismen, so achten wir uns heimlich, die Verbindungen zwischen den isolierten Dingen aufrecht zu erhalten.

Doch stets empfinden wir dabei und alles was uns widerfährt, gründet in der Auffassung und in der Verarbeitung auf eben diesem Empfinden. So werden wir zu Wesen, die sich verleugnen, die sich hinter Ideen und Begründungen verstecken. Aber stets und unablässig im ambivalenten Begehren, dieses aufbrechen zu lassen.

Die Wahrheit lässt uns nicht wissen, wie sie beschaffen ist und wie sie sich erkennen lässt. Sie kommt nicht zu uns, wir müssen zu ihr. Gleichzeitig umgibt sie uns, in der Gewissheit, dass wir nicht gleichzeitig in alle Richtungen blicken können. So fangen wir das auf, was uns bleibt, strukturieren es, machen es konform.

Fotografie und Musik zeigen uns, dass die Verfügbarkeit ein wesentliches Bedürfnis darstellt. So kommt die Frage auf, ob denn Verfügbarkeit sogar ein allgemeines, ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis ist. Nicht nur auf die mediale Technik wie der von Fotografie und Musik oder auch Filmen/TV beschränkt. Und wenn dies der Fall sein soll, ob sich dieses Bedürfnis in das noch allgemeinere, noch grundsätzlichere Bedürfnis nach Komfort einordnen ließe.

Es scheint, als liefen da mehrere Fäden zusammen. Zum Einen geht’s da um den funktionalen Aspekt der Verfügbarkeit, der klar für das menschliche Bestreben nach Komfort spricht.

Komfort im Funktionalem bedeutet jedoch nicht nur bloß ein höheres Maß an Bequemlichkeit, sondern auch Effizienz.

Dieses Phänomen kennen wir aus der Werbung. Die Produkte sollen uns nicht nur mehr Funktionen bieten, sondern gleichzeitig die Funktionen quasi „bündeln“. Diese funktionale Konzentration soll dann wiederum mehr Zeit für Anderes lassen. Die Prozesse, die Vorgänge, werden somit effizienter.

Dies beschränkt sich nicht nur auf die Unterhaltungsindustrie und Industrie für das Privatleben, sondern betrifft gleichermassen die Industrie und Wirtschaft im Gesamten. Effizienz bedeutet da schließlich höheren Produktionsausstoss.

Zum Anderen natürlich die Bequemlichkeit. Weniger Aufwand für’s Unangenehme ist da der offensichtlichste Aspekt. Doch, warum wollen wir auch den Aufwand für diejenigen Dinge, Tätigkeiten mindern, welche uns am Herzen liegen, Dinge die wir ja mögen? Oder nehmen wir einfach eine neue Technik zugunsten der Verfügbarkeit an? Also ohne ein absichtliches Streben nach noch mehr Komfort? Wenn wir etwas mögen, dann mögen wir es noch mehr, wenn damit weniger Aufwand verbunden ist. Sprich : die gleiche Tätigkeit etwas komfortabler.

Die Vermutung, dass Verfügbarkeit innerhalb der allgemeinen Strebens nach Komfort ein wesentliches Bedürfnis ist, bestätigt sich immer mehr. Die Fäden laufen da zusammen, in der Vergegenwärtigung dass Verfügbarkeit auch die Effizienz steigert. Insbesondere die Digitalisierung führte uns dies vor Augen.

Allmählich fragt sich, ob denn die Digitalisierung einen größeren Einfluss auf uns haben wird, als die vorangegangene Industrialisierung.  Lärmende, rauchende Maschinen sind uns zu offensichtlich. Die Waagschale zwischen dem was sie an Komfort bringen aber auch für Gefahren, scheinen wir gefunden, scheinen wir „stabilisiert“ zu haben.

Doch so unsichtbar verborgen wie digital gespeicherte Daten sind, scheinen es auch die damit möglichen einhergehenden Auswirkungen.  Dabei stellt das Internet lediglich ein Teil dieser gesamten Entwicklung dar.

So vielfältig und subtil sowie differenziert diese Entwicklung ist, ebenso gestaltet sich auch die Analyse  und Bewertung über sie.

Betrachtet man die Psychologie/Soziologie von ihrem entwicklungsgeschichtlichem Standpunkt aus, so erstaunt wie jung doch diese Disziplin ist. Erstaunen tut dies angesichts dessen, dass es die Disziplin ist, welche sich essentiell mit dem Wesen und dem Verhalten des Menschen auseinander setzt. Ebenso wie die Philosophie ist sie nicht an die Naturwissenschaft  oder ganz allgemein an technische oder politisch-strukturelle Entwicklungen gebunden. Die Psychologie/Soziologie hätte es also durchaus bereits in der Antike geben können.

Warum dem nicht so ist, dafür gibt es natürlich viele Erklärungen. Die meisten deuten darauf hin, dass es aus  thematisch-disziplinären Gründen gar nicht nötig gewesen sei, da Religion und Philosophie diesen Themenbereich abdeckten. Zumal war die institutionelle Religion in früheren Epochen einiges dogmatischer als heute. Da bliebe also die Philosophie.

In der Tat rückte in der römischen Philosophie der Mensch in den Vordergrund. Die ausgeprägte thematische Ethik deren floss sogar in unser modernes Rechtsverständnis ein. In der europäisch-westlichen Ethik ist also ein Teil der römischen Ethik übrig geblieben.

Obschon das Verhalten des Menschen stets Mittelpunkt philosophischer und religiöser Themen war, handelte es sich kaum um das, was wir heute unter Psychologie verstehen.

Bestand also kein Bedarf oder wurde dies dogmatisch-institutionell bewusst unterdrückt?

Eine mögliche Erklärung liegt im grundsätzlichem Menschenbild der früheren Epochen. Dabei geht es jedoch nicht darum, ob diese nun misanthropisch oder philanthropisch waren. Vielmehr war es die fehlende Einsicht, dass sich ein jeder Mensch aus sich selbst entwickelt.

Empirische Methodik und eben diese Einsicht erlaubten die moderne Soziologie/Psychologie. Und daher erstaunt es nicht einmal dass die Soziologie früher reifte. Der Weg zum Individuum führte also über’s Kollektiv. Erst wenn sich das Kollektiv aus den vorgefassten Gegebenheiten wie Herkunft, Stand usw loslösen ließe, wäre dies auch für das einzelne Individuum möglich. Nun handelte der Mensch nicht mehr aus dem Willen höheren Mächten und somit waren die Eigenschaften und Biografien der einzelnen Menschen  auch nicht mehr darauf zurück zuführen.

 

Entscheidend war das Recht. Die Besinnung darauf, dass das Recht nicht dem höher gestellten Stand vorbehalten sein kann markierte den Beginn der Individualisierung innerhalb der Gesellschaft. Recht bedeutet auch Freiheit und Freiheit bedeutet wiederum aber auch Verantwortung. Parallel dazu Macht. Während die Verantwortung in früheren Epochen einzig der institutionellen Macht vorbehalten war, so führte die Pluralisierung des Rechts zur Verantwortung des Individuum’s. Diese beiden Entwicklungen fanden also parallel statt und gingen miteinander einher.

 

Verantwortung kann aber auch ungemütlich sein, kann unbequem sein. Die Macht welche sich von der Institution zum Gewissen der Einzelnen verlagerte. Wer es also schafft, an das Gewissen der Einzelnen zu appellieren, besitzt Macht. Intuitiv spüren wir dies. Und nicht wenige möchten sich dem entziehen. dabei finden Mechanismen statt, welche denen sehr ähneln, denen man längst absagte. Dabei kollidiert man aber mit dem Recht.

So ist es also nicht erstaunlich, dass sich Erklärungsversuche über’s menschliche Verhalten vermehrt an uns nicht erreichbare Mechanismen orientieren.

Damit wird die Errungenschaft der Psychologie/Soziologie bedauerlicherweise vermehrt ausgeblendet. Der Mensch der handelt, weil es seine Attribute und seine Biografie es so aufdrängt. Die Delegierung der Verantwortung an höhere Mächte.

Sind wir also zivilisatorisch wirklich weiter als die Menschen früherer Epochen? Diese Frage kann nur für das einzelne Individuum beantwortet werden . . .

Kann etwa eine eigentlich herausragende menschliche, charakterliche Eigenschaft zum Nachteil werden? Kann eine solche löbliche Eigenschaft gar auch Böses fördern? 

Auf Gutes muss nicht zwingend Gutes folgen. Diese Erkenntnis ist dafür ausschlaggebend.

Kaum je würden wir Jemandem eine schlechte Charaktereigenschaft, ein schlechtes Verhalten empfehlen. Und die Erkenntnis dass auf Gutes nicht zwingend Gutes folgen muss erinnert und verführt gerade zu zur Eitelkeit des Nihilismus. Doch ist es nicht nur der Dualismus zwischen dem Guten und dem Schlechten, sondern die Erkenntnis kann auch dann zutreffen, wenn Gutes auf Gutes stösst. So geht es also viel weniger um eine weltanschauliche Übermacht des Schlechten, noch um eine Nihilierung von Werten und Grundsätzen.

Allmählich kristallisiert sich heraus, dass es um Zusammenhänge geht. Das Phänomen, etwas als „gut“ zu befinden und dem dennoch sehr kritisch gegenüber zu stehen, ist wohl allen bestens bekannt. Und eben darin liegt der Kern . . .

Gewiss nicht als Erster und zudem in Kunsttheorie nicht versiert, frage ich mich zu dieser nächtlichen Stunde was das Wesen der Ästhetik ist.

Wie sehr ist Ästhetik von der Form abhängig? In Klang, Bild, in Fotografie oder gar in in der Syntax des literarischen, poetischen Wortes. Eine Ahnung einer Einsicht, die Form diene der Ästhetik als Träger, schwant mir.

Kann sogar eine Erkenntnis ästhetisch sein? Und : inwiefern offenbart sich Ästhetik am Menschen; vollkommen unabhängig von Konventionen über irgendwelche Ideale. Jeder der ernst -und gewissenhaft Portraitfotografie betrieben hat weiss, dass das Bildgeberische zwar zur Ästhetik der Fotografie beiträgt, jedoch ohne den Ausdruck der abgebildeten Person nicht auskommt.

 

Nun ist’s Nacht. Es regnet und ein leichter Wind macht’s noch kühler als es ohnehin schon ist.  Als ich mir auf die letzten Meter vor dem Haus noch eine Zigarette gönnte, kam mir beim Anblick der Szenerie aus erträglicher Kälte, leichtem Wind und durchdringender Dunkelheit der Gedanke, wie sehr ästhetisch dies doch wirke.

Gibt es einen Unterschied in „aussehen“ und „wirken“? Oder kann – wie mir schwant – Ästhetik nur wirken? Über den Träger der Form.

Doch immer noch scheitere ich an Definitionen über das Wesen der Ästhetik. eine letztgültige wird es natürlich nicht geben, das ist mir klar. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als Ästhetik vergegenwärtigen. CD-Player und Verstärker haben längst Betriebstemperatur erreicht. Und die Bildbände von Böcklin, Magritte, Bresson, Moholy-Nagy und Hedgecoe warten längst auf dem Tisch um ihren angestammten Platz im Regal einnehmen zu können.

Mit der ernüchternden Einsicht, keine neue essentielle Erkenntnis gewonnen zu haben, griff ich eben gerade zur Schachtel Zigaretten und dem Feuerzeug. Was bleibt ist der Gang zum nahen Balkon. Gleich werde ich zu dieser nächtlichen Stunde die Szenerie wieder betrachten können. Mit einer Erkenntnis werde ich wohl nicht zurückkommen. Aber mit einem Eindruck. Als besässe die sich mir bietende Situation einen Ausdruck, als hätte sie ihr eigenes Wesen . . .

Oft kommt mir die Frage auf, wie und in welchem Mass Philosophie überhaupt angewandt wird.

Solche denen die Philosophie geläufig ist, kennen dieses Phänomen. Ab irgendeinem Punkt beginnt man sich zu fragen, inwiefern sich die philosophische Methodik in’s eigene Denken quasi integriert hat.

So unterscheide ich erst einmal in Monaden wie Philosophie überhaupt gedacht werden kann :

- das Aneignen (zB lesen der PhilosophieGeschichte; aneignen der verschiedene. Positionen; usw

- sich über Philosophie beschäftigen

- sich mit den Inhalten der Philosophie auseinandersetzten

 

Und auch beim anwenden von Philosophie unterscheide ich in zwei grundsätzlich verschiedene Methoden :

- abstrakte Anwendung

- verinnerlichte Anwendung

 

Die abstrakte Anwendung kennen wir insbesondere aus der professionellen Philosophie. Exemplarisch dafür die so genannten „Denkfrabriken“. In dieser Form wird Philosophie thematisch analysierend praktiziert. So wird eine Thematik analytisch gemäss dem jeweiligen philosophischen Themenbereich behandelt. Man könnte da beinahe von einer „thematischen Isolation“ sprechen.

Eine Thematik die in der vorgegeben thematischen Konzeption nicht enthalten ist, wird demnach auch gar nicht erst in’s praktische, methodische Denken miteinbezogen. Steht zB ein politisches Thema zur Debatte, so scheint es nach diesem Verständnis keinen Sinn zu machen, metaphysische Überlegungen miteinzubeziehen.

 

Anders dagegen die „verinnerlichte Anwendung“. Diese wirkt bereits auf subtiler Ebene.

„Verinnerlicht“ enthält natürlich mehrere Aspekte. Hauptsächlich der, dass die philosophischen Methoden quasi automatisiert im Denken ablaufen. Ein zweiter entscheidender Aspekt : die Methoden werden  themenübergreifend angewandt.

Zusammenfassend könnte man sagen : während sich in der abstrakten Anwendung die Methodik gemäss dem Thema beschränkt, sind die Methoden in der verinnerlichten Anwendung stets präsent.

 

Nun, ich bin mir durchaus bewusst, dass es dazu einige Einwände gibt. Gewiss auch manch berechtigte.

Interessant ist, dass diejenigen Philosophierenden welche Philosophie als eine Wissenschaft betrachten, das abstrakte, analytische Verständnis bevorzugen. Darüber könnte man ausführliche Debatten führen, was Philosophierende ja auch machen.

Nach meinem Verständnis wird man der Philosophie nicht gerecht, beschränkt man sie auf die abstrakte, analytische Methodik. Doch ihr gerecht zu werden kann aber auch nicht das Ziel sein. Nein, viel eher wirkt Philosophie aus sich selbst heraus.

Dies lässt wieder einmal daran erinnern dass es in der Philosophie keinerlei institutionelle Verbindlichkeit gibt. Philosophierende müssen sich jedoch untereinander verstehen, wissen was der Andere meinte, wissen was mit welchen Begriffen gemeint ist. Manche sehen dieses Fehlen der institutionellen Verbindlichkeit als einen Mangel. Doch bedeutet dies eine Freiheit, wie sie keine andere Disziplin besitzt. Dadurch dass in der Philosophie die Ansichten akribisch begründet sein sollten, ist diese Freiheit alles andere als nihilistischer Natur!

Der geringe normative Rahmen der Philosophie bestätigt und untermauert das Verständnis der methodischen Verinnerlichung.

„Horror Vacui“ beschreibt die „Furcht vor der Leere“. Konkret war ursprünglich mit diesem Begriff gemeint, die Natur neige dazu Leerräume aufzufüllen.

Und die Befürworter dieses naturalistischen, metaphysischen Grundsatzes sollten später durch die moderne Naturwissenschaft Recht behalten. Dank Vakuumflukation und materienlosen Wellen/wechselwirkende Felder welche ein Vakuum durchziehen.

Doch das „horror vacui“ besitzt noch eine weitere Bedeutung: Die Bedeutung des „horror vacui“ lässt sich h also auf den Menschen übertragen. Und zwar gar noch im mehrfachen Sinn.

1. Wir handeln immer, sind immer irgendwie tätig

2. Wir sind (im Wachzustand) immer in Wahrnehmung

3. Wir befinden uns permanent in einem/dem Verhalten

4. Wir haben immer Ziele oder Gründe für unser Handeln (wen diese sich auch oft erst in der Rekonstruktion offenbaren)

 

Punkt 1 trifft prinzipiell auf die ganze Natur zu. ja, sogar auf das kosmologische Gebilde, auf den Kosmos. Es ist immer und überall etwas „tätig“.

Also doch „panta rhei“? Im kosmologischen Kontext betrachtet, ergänzen sich „panta rhei“ und „horror vacui“ verblüffend! Ist das eine sogar Enität für das andere?

Und bestätigen Erkenntnisse aus Physik (zB Gravitation), Chemie und Biologie (zB auf molekularbiologischer Ebene) nicht deren Allgegenwärtigkeit? Eine Art begriffliche, erkenntnistheoretische Naturkonstante?

 

Der zweite Punkt sollte uns ja gewiss sein. Wir nehmen unablässig wahr. Entsprechend der dritte Punkt. Von den Vertretern des Determinismus wird er gerne als Argument angeführt. Doch fälschlicherweise, denn dass wir uns permanent im Verhalten und Handeln befinden, sagt noch nichts darüber aus, ob wir einen freien Willen besässen. Oder eben nicht. Denn dieser Punkt ist auf den ersten zurückzuführen. Aber dennoch ist er getrennt davon zu betrachten. Entscheidend dafür ist der Umstand, dass wir unser Verhalten/Handeln bewusst sind. Oder zumindest es uns bewusst sein können.

Wenn wir von Ereignissen sprechen, sie thematisieren (und sei es auf noch so trivialer Ebene), so sprechen wir auch darüber, was wohl zu diesen Ereignissen geführt haben mag. Die Gegebenheiten, die Umstände, die möglichen Motivationen, Beweggründe und natürlich die Folgen.

Sprechen wir über Handlungen/Verhalten, so werten wir auch darüber. Und in diesem Werten erwähnen wir auch stets Alternativhandlungen anhand von Beispielen.

Auffällig ist, dass wir beim thematisieren über Handlungen intensiver und vor Allem noch mehr, also quasi „gegebener“ werten. Es scheint beinahe eine Enität zu sein über Handlungen zu urteilen.

 

Könnte man sagen : je näher der Mensch sich selber stellt, desto weniger vermag er sich aus Distanz zu betrachten? Sogar die Jurisprudenz hat sich diesem Gedanken angenommen und den Begriff „Befangenheit“ eingeführt.

Das „horror vacui“ erfüllt also auch in der Ethik den Zweck. Im zeitlichen Kontext Vergangenheit – Jetzt – Zukunft offenbart sich das „horror vacui“ als sinngebend. So können wir Handlungen rekonstruieren (Vergangenheit), aber über sie auch hypothetisch urteilen (Futur).

Dagegen wähnen wir uns im Abwägen über Handlungen im Jetzt auffälligerweise in der Tat „befangen“. Oder : am meisten, am intensivsten befangen.