Kategoriearchive: Psychologie

Eine Auflistung sämtlicher möglicher Rollen würde den Rahmen eines Blogs freilich sprengen. Wie bereits erwähnt, können Rollen ebenso inhaltlicher wie konstitutioneller Natur sein. Konstitutionelle Rollen entsprechen denen von Berufen, Familien usw. Rollen, welche eng mit der äusserlich wahrnehmbaren Identität verknüpft sind. Dabei kann es sich auch um temporäre Identitätsindikatoren handeln (zB Beruf).

Inhaltliche Rollen (welche zugleich auch konstitutionelle Rollen sein können) werden Menschen oftmals dann gewahr, wenn sie in Gegenüberstellung äquivalenter Rollen stehen. Dies gilt besonders für jene welche sich im kulturellen, im interkulturellen aber auch im religiösen und politisch-ideologischen Rahmen bewegen.

Ein gläubiger, gar praktizierender Christ der auf einen ebensolchen Muslimen trifft und sie miteinander kommunizieren, nimmt für gewöhnlich seine spezifische Rolle ein. Das konkurrenzierende Verhältnis zueinander wird von diesen Rollen dann getragen und beide schöpfen aus ihrem argumentativen Vokabular.

Verschärft sich das konkurrenzierende Verhältnis der beiden, so geht ihre Rhetorik weit über religiöse Belange hinaus. Es offenbart sich dabei, dass Rollen stets miteinander verknüpft sind. Moralethische wie auch besonders politische Belange erweitern folglich das jeweilige Rollenbild. Dabei spricht man bestenfalls von Erweiterung des Themenkreis.

Die Frage, inwiefern Indikatoren einer Identität zur Rollenbildung und schlussendlich zur Meinungsbildung eines argumentierenden Menschen beiträgt, kann nicht mehr ignoriert werden.

Bereits Blaise Pascal der in seinen Pensées das (katholische) Christentum argumentativ verteidigt, offenbart sich an anderer Stelle in seinen Schriften wo er schrieb : „Alle Überlegungen unserer Vernunft laufen darauf hinaus, dem Gefühl nachzugeben“ (B.Pascal ‘Pensées’ ‘Nicht eingeordnete Papiere’/Serie XXIII)

Diese gewiss naiv geäußerte Aussage ist von elementarer Bedeutung. Damit relativiert Pascal zugleich seine Plädoyer’s. Dass Blaise Pascal mit dieser Aussage seine feurigen Plädoyer gleich selber relativiert, ist für uns von geringerer Bedeutung.  Die heutige Psychologie würde zudem diese Prämisse zu einem gewissen Grad bejahen und es erinnert mich indirekt wieder einmal mehr an „Motivation und Persönlichkeit“ von A.H. Maslow.

Und zwar viel weniger aufgrund seiner Motivationstheorie, sondern seines Begriffes wegen über „Selbstverwirklichung“. Dabei stellt sich für mich die dringende Frage, ob selbstverwirklichende Menschen viel weniger zur Determinierung ihrer Rollen aufgrund ihrer Identitäten neigen.

Auch selbstverwirklichende Menschen nehmen ihre Rollen ein. Doch mögen sich solche Menschen ihrer Rollen bewusster sein und sich auch „außerhalb ihrer Rollen, außerhalb ihrer Identität denken“.

Dies scheint angesichts der Erkenntnis dass Nicht-Selbstverwirklichende vielmehr auf ihre jeweiligen Rollen angewiesen sind zutreffen.

Alleine, in nächtlichen Stunden wie diesen braucht man keine Rolle anderen gegenüber einzunehmen. Könnte man überhaupt so weit gehen und kategorisch sagen „Sobald wir in Kontakt mit anderen Menschen treten, nehmen wir Rollen ein“? Auf kognitive Ebene bezogen, wäre dies durchaus zu bejahen.

Die Rollen sind vielfältig. So ist man etwa innerhalb der Familie Sohn, Tochter, Vater, Mutter, man ist Neffe, Enkel, Onkel, Tante usw. Man ist aber auch zB Stiefvater, Schwiegermutter, Schwiegersohn, Bruder, Schwester usw. Solche Rollen finden wir natürlich auch in der Arbeitswelt. Der „einfache“ Arbeiter, der Chef, das Kader (welche ja auch wiederum oft Chefs sind). In der Gegenüberstellung von Arbeitswelt und Familie erkennt man diesbezüglich leichtens, dass es zwei Grundkategorien gibt : hierarchische Rollenverteilungen und nicht-hierarchische.

Die rechtliche, die juristische Rollenverteilung ist also besonders in hierarchischen Systemen von Bedeutung, aber in letzter Konsequenz auch in nicht-hierarchischen.  Das Käufer – Verkäufer -Verhältnis etwa eines davon.

 

Doch Rollen haben mehr Gehalt als lediglich Macht oder Recht. Sie sind gerade auch inhaltlicher Natur. So nehmen in der Berufswelt Politiker, Künstler, Handwerker usw ihre Rollen ein. Diese Rollen sind oftmals von Stereotypen gezeichnet.

 

Interessant ist, dass der einzelne Mensch stets mehrere Rollen zugleich einnimmt. Ein Künstler kann also zugleich Ehemann, Vater, Käufer (& potenzieller Kunde), Verkäufer, Tourist usw sein. Vielleicht bekleidet er noch ein kommunal-politisches Amt; was also auch immer.

Wie sehr – das ist meine Themenfrage hier – definieren sich Menschen durch Rollen? Dienen sie bloß als rhetorisches Mittel, oder sind sie gar Teil der Identifikation? Wie sehr unterscheiden sich Menschen diesbezüglich?

Selber gehe ich davon aus dass sich selbstverwirklichende Menschen weniger aufgrund ihrer festen und temporären Rollen definieren.

Bei sich weniger selbstverwirklichenden Menschen fällt hingegen auf, dass Sie in Argumenten sehr oft auf die entsprechenden Rollen verweisen. Zur Klarstellung : das Maß der Selbstverwirklichung ist fliessend, man sollte diesen Begriff auch nicht allzu sehr werten.

Ein auffälliges Verweisen auf die Rollen anderer ist für mich ein deutlicher Hinweis auf mangelnde Selbstverwirklichung. Die Rollen dienen solchen Menschen also zur Identifikation. Von Belang scheinen bei solchen die jeweiligen Rollen. Das macht es für sie auch einfacher Recht und Unrecht voneinander zu unterscheiden.

Eine Thematik an die ich nächstes Mal anknüpfen werde.

Die Wahrnehmung über Welt geschieht durch unsere Sinne, durch das was wir fähig sind, wahrzunehmen. Doch nehmen wir ja nicht nur wahr, wir interpretieren, wir deuten auch. Unablässig. Und wir empfinden. Parallel dazu.

Und irgendwann trennen wir zwischen dem Wahrgenommenen, dem Empfundenen, dem Interpretiertem und dem Wissen. Wir kategorisieren, verwerfen und speichern. Zugeordnet nach Priorität. Prioritäten welche unterschieden werden in die welche Bedürfnisse fordern und die, welche nach Vernunft gesetzt werden. Manchmal sind sie miteinander konform, manchmal kollidieren sie.

Vor und nach diesen Vorgängen ist schlussendlich alles Wissen. Informationen. Durch unsereiner selbst erlebt, erarbeitet und verarbeitet. Bereit, bei Bedarf abgerufen zu werden.

So entstehen die „Ideen“ im Leben und die Verständnisse über die Welt. Wir wissen und ahnen, vermuten und vergewissern, dass Teile dieser Ideen und Verständnisse der Wahrheit entsprechen. „Suche nach Wahrheit“. Und in unserer Identität an die wir festhalten, selbst dann wenn sie verdrängt, verleugnet und verfälscht wird, sind wir uns nicht mehr so gewiss, ob die Wahrheit der Identität oder die der Welt außerhalb entspricht. Mechanismen treten in Kraft, um sich die Gedanken so einzurichten, dass sie im Verlauf immer mehr der Kompatibilität entsprechen. Wer könnte schon seine eigene Identität außerhalb der Wahrheit akzeptieren?

 

Wir ahnen, dass sich all diese Ideen, diese Vorstellungen und Verständnisse sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Berufen uns bei Bedarf auf das Recht Individuum zu sein. Alles steht parallel zueinander. Im Drang nach Kompatibilität versuchen wir diesen verräterischen Mangel aufzuheben. Und fordern es Vernunft oder Empfinden, die Dinge isoliert zu betrachten, holen uns unerwartete Ereignisse für einem Moment lang aus diesen Mechanismen, so achten wir uns heimlich, die Verbindungen zwischen den isolierten Dingen aufrecht zu erhalten.

Doch stets empfinden wir dabei und alles was uns widerfährt, gründet in der Auffassung und in der Verarbeitung auf eben diesem Empfinden. So werden wir zu Wesen, die sich verleugnen, die sich hinter Ideen und Begründungen verstecken. Aber stets und unablässig im ambivalenten Begehren, dieses aufbrechen zu lassen.

Die Wahrheit lässt uns nicht wissen, wie sie beschaffen ist und wie sie sich erkennen lässt. Sie kommt nicht zu uns, wir müssen zu ihr. Gleichzeitig umgibt sie uns, in der Gewissheit, dass wir nicht gleichzeitig in alle Richtungen blicken können. So fangen wir das auf, was uns bleibt, strukturieren es, machen es konform.

Betrachtet man die Psychologie/Soziologie von ihrem entwicklungsgeschichtlichem Standpunkt aus, so erstaunt wie jung doch diese Disziplin ist. Erstaunen tut dies angesichts dessen, dass es die Disziplin ist, welche sich essentiell mit dem Wesen und dem Verhalten des Menschen auseinander setzt. Ebenso wie die Philosophie ist sie nicht an die Naturwissenschaft  oder ganz allgemein an technische oder politisch-strukturelle Entwicklungen gebunden. Die Psychologie/Soziologie hätte es also durchaus bereits in der Antike geben können.

Warum dem nicht so ist, dafür gibt es natürlich viele Erklärungen. Die meisten deuten darauf hin, dass es aus  thematisch-disziplinären Gründen gar nicht nötig gewesen sei, da Religion und Philosophie diesen Themenbereich abdeckten. Zumal war die institutionelle Religion in früheren Epochen einiges dogmatischer als heute. Da bliebe also die Philosophie.

In der Tat rückte in der römischen Philosophie der Mensch in den Vordergrund. Die ausgeprägte thematische Ethik deren floss sogar in unser modernes Rechtsverständnis ein. In der europäisch-westlichen Ethik ist also ein Teil der römischen Ethik übrig geblieben.

Obschon das Verhalten des Menschen stets Mittelpunkt philosophischer und religiöser Themen war, handelte es sich kaum um das, was wir heute unter Psychologie verstehen.

Bestand also kein Bedarf oder wurde dies dogmatisch-institutionell bewusst unterdrückt?

Eine mögliche Erklärung liegt im grundsätzlichem Menschenbild der früheren Epochen. Dabei geht es jedoch nicht darum, ob diese nun misanthropisch oder philanthropisch waren. Vielmehr war es die fehlende Einsicht, dass sich ein jeder Mensch aus sich selbst entwickelt.

Empirische Methodik und eben diese Einsicht erlaubten die moderne Soziologie/Psychologie. Und daher erstaunt es nicht einmal dass die Soziologie früher reifte. Der Weg zum Individuum führte also über’s Kollektiv. Erst wenn sich das Kollektiv aus den vorgefassten Gegebenheiten wie Herkunft, Stand usw loslösen ließe, wäre dies auch für das einzelne Individuum möglich. Nun handelte der Mensch nicht mehr aus dem Willen höheren Mächten und somit waren die Eigenschaften und Biografien der einzelnen Menschen  auch nicht mehr darauf zurück zuführen.

 

Entscheidend war das Recht. Die Besinnung darauf, dass das Recht nicht dem höher gestellten Stand vorbehalten sein kann markierte den Beginn der Individualisierung innerhalb der Gesellschaft. Recht bedeutet auch Freiheit und Freiheit bedeutet wiederum aber auch Verantwortung. Parallel dazu Macht. Während die Verantwortung in früheren Epochen einzig der institutionellen Macht vorbehalten war, so führte die Pluralisierung des Rechts zur Verantwortung des Individuum’s. Diese beiden Entwicklungen fanden also parallel statt und gingen miteinander einher.

 

Verantwortung kann aber auch ungemütlich sein, kann unbequem sein. Die Macht welche sich von der Institution zum Gewissen der Einzelnen verlagerte. Wer es also schafft, an das Gewissen der Einzelnen zu appellieren, besitzt Macht. Intuitiv spüren wir dies. Und nicht wenige möchten sich dem entziehen. dabei finden Mechanismen statt, welche denen sehr ähneln, denen man längst absagte. Dabei kollidiert man aber mit dem Recht.

So ist es also nicht erstaunlich, dass sich Erklärungsversuche über’s menschliche Verhalten vermehrt an uns nicht erreichbare Mechanismen orientieren.

Damit wird die Errungenschaft der Psychologie/Soziologie bedauerlicherweise vermehrt ausgeblendet. Der Mensch der handelt, weil es seine Attribute und seine Biografie es so aufdrängt. Die Delegierung der Verantwortung an höhere Mächte.

Sind wir also zivilisatorisch wirklich weiter als die Menschen früherer Epochen? Diese Frage kann nur für das einzelne Individuum beantwortet werden . . .