Vor ein paar Tagen schilderte mir meine Mutter eine Anekdote aus meinen Kindestagen. Ich hätte damals ein Lied mit dem Titel „Die Gedanken sind frei“ gesungen. Ja, ich erinnere mich wieder. Vom Lied ist mir jedoch nur der Titel im Refrain geblieben. Damals war ich etwa 7 oder 8 Jahre alt.
Und damals wusste ich natürlich noch nichts von Neurologie, über Philosophie, Physik und Chaos. Wusste weder etwas über Eigenschaftsdualismus noch über Synapsen. Ich befand mich in einem Alter in dem man noch glaubt, seinen eigenen Schatten überlisten zu können . . .
Was damals noch kindlich-naive Laune war, ist heute Interesse an Wissen und Streben nach Erkenntnis.
Sind Gedanken frei?
Was wir wissen : unser Handeln ist insofern frei, wie es der Rahmen der gegenwärtigen Situation und Umstände erlaubt. Mittlerweile trat die Neurowissenschaft in disziplinarisch-thematische Konkurrenz zur Philosophie. Zur Philosophie des Geistes. Da enorm viel messbar ist, liegt es auf der Hand, die elektrochemischen Ströme anhand Intensität, Potential, Häufigkeit und Lokalisierung usw zu deuten. Es liegt auf der Hand, dass dieser erfassbaren, messbaren Empirie eine weitere Empirie zu Grunde liegt. Die biologische Funktionalität quasi der Schlüssel zum längst ersehnten Erklärungsversuch. In diesem Erklärungsversuch sind die Daten interpretierbar. Doch welche inhaltliche Aussagekraft diese funktionalen Interpretationen besitzen ist umstritten.
Der Ursprung des Denken’s zu ergründen ist ein altes Anliegen des Menschen. Er möchte wissen, woher seine Gedanken stammen. Möchte wissen was ihn motiviert, was ihn antreibt. Die Idee, dass sich dahinter ein kausaler Mechanismus verbirgt ist einer dieser grundsätzlicher Erklärungsversuche. So scheint es beinahe angenehmer zu sein, sich vorzustellen, dass unser Denken und Handeln determiniert sei. Das was geschieht quasi Folge des Vorhandenen.
Das einst kulturell-religiöse Schicksal erhielt mit dem neurowissenschaftlichen Determinismus eine neue Form. Nur wird darin das Geschehen nicht mehr von göttlicher Kraft gelenkt, sondern ist vorbestimmt. Dies der augenfälligste Unterschied.
Die Vorstellung von geordneten Mechanismen scheinen beruhigend zu wirken. Doch geben wir damit nicht einen Teil der Verantwortung ab?
Bereits aus der Sicht der Jurisprudenz ist der Determinismus äusserst bedenklich. Denn damit würde ja selbst verwerflichstes Handeln moralisch entschuldbar. Welche Strafe etwa, wäre noch gerechtfertigt, wenn selbst das Denken eines Menschen vorbestimmt wäre? Sein Handeln nichts weiter als Ergebnis der Kombination aus neurologischer, aus biologischer Beschaffenheit sowie Situation?
Gleichzeitig wissen wir aber um unsere immense Vorstellungskraft. Die Imagination geht über das Erlebte hinaus. Ist nicht lediglich Puzzle des Erlebten, sondern ist gleichzeitig parallele Welt. Die Innen -und Aussenwelt. Doch es ist die Verbindung deren, mit der wir uns schwer tun. Unsere Empirie entspricht ganz und gar dem Mesokosmos. Und alles was darunter und darüber liegt, benötigt der Vorstellungskraft, um es sich zu vergegenwärtigen. Im natürlichen Unvermögen auf die Sicht auf Mikrokosmos und Makrokosmos, die ohne Hilfsmittel nicht zustande kommt, neigen wir zu substantivieren. Es bietet eine Art beruhigende Sicherheit, eine Form von Gewissheit, sich an das Gegenständliche festhalten zu können. Der Geist hingegen ist vage, ist subtil, ist un-substanziell, ist gar unberechenbar!
Ist frei . . .