Gewiss nicht als Erster und zudem in Kunsttheorie nicht versiert, frage ich mich zu dieser nächtlichen Stunde was das Wesen der Ästhetik ist.

Wie sehr ist Ästhetik von der Form abhängig? In Klang, Bild, in Fotografie oder gar in in der Syntax des literarischen, poetischen Wortes. Eine Ahnung einer Einsicht, die Form diene der Ästhetik als Träger, schwant mir.

Kann sogar eine Erkenntnis ästhetisch sein? Und : inwiefern offenbart sich Ästhetik am Menschen; vollkommen unabhängig von Konventionen über irgendwelche Ideale. Jeder der ernst -und gewissenhaft Portraitfotografie betrieben hat weiss, dass das Bildgeberische zwar zur Ästhetik der Fotografie beiträgt, jedoch ohne den Ausdruck der abgebildeten Person nicht auskommt.

 

Nun ist’s Nacht. Es regnet und ein leichter Wind macht’s noch kühler als es ohnehin schon ist.  Als ich mir auf die letzten Meter vor dem Haus noch eine Zigarette gönnte, kam mir beim Anblick der Szenerie aus erträglicher Kälte, leichtem Wind und durchdringender Dunkelheit der Gedanke, wie sehr ästhetisch dies doch wirke.

Gibt es einen Unterschied in „aussehen“ und „wirken“? Oder kann – wie mir schwant – Ästhetik nur wirken? Über den Träger der Form.

Doch immer noch scheitere ich an Definitionen über das Wesen der Ästhetik. eine letztgültige wird es natürlich nicht geben, das ist mir klar. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als Ästhetik vergegenwärtigen. CD-Player und Verstärker haben längst Betriebstemperatur erreicht. Und die Bildbände von Böcklin, Magritte, Bresson, Moholy-Nagy und Hedgecoe warten längst auf dem Tisch um ihren angestammten Platz im Regal einnehmen zu können.

Mit der ernüchternden Einsicht, keine neue essentielle Erkenntnis gewonnen zu haben, griff ich eben gerade zur Schachtel Zigaretten und dem Feuerzeug. Was bleibt ist der Gang zum nahen Balkon. Gleich werde ich zu dieser nächtlichen Stunde die Szenerie wieder betrachten können. Mit einer Erkenntnis werde ich wohl nicht zurückkommen. Aber mit einem Eindruck. Als besässe die sich mir bietende Situation einen Ausdruck, als hätte sie ihr eigenes Wesen . . .

Oft kommt mir die Frage auf, wie und in welchem Mass Philosophie überhaupt angewandt wird.

Solche denen die Philosophie geläufig ist, kennen dieses Phänomen. Ab irgendeinem Punkt beginnt man sich zu fragen, inwiefern sich die philosophische Methodik in’s eigene Denken quasi integriert hat.

So unterscheide ich erst einmal in Monaden wie Philosophie überhaupt gedacht werden kann :

- das Aneignen (zB lesen der PhilosophieGeschichte; aneignen der verschiedene. Positionen; usw

- sich über Philosophie beschäftigen

- sich mit den Inhalten der Philosophie auseinandersetzten

 

Und auch beim anwenden von Philosophie unterscheide ich in zwei grundsätzlich verschiedene Methoden :

- abstrakte Anwendung

- verinnerlichte Anwendung

 

Die abstrakte Anwendung kennen wir insbesondere aus der professionellen Philosophie. Exemplarisch dafür die so genannten „Denkfrabriken“. In dieser Form wird Philosophie thematisch analysierend praktiziert. So wird eine Thematik analytisch gemäss dem jeweiligen philosophischen Themenbereich behandelt. Man könnte da beinahe von einer „thematischen Isolation“ sprechen.

Eine Thematik die in der vorgegeben thematischen Konzeption nicht enthalten ist, wird demnach auch gar nicht erst in’s praktische, methodische Denken miteinbezogen. Steht zB ein politisches Thema zur Debatte, so scheint es nach diesem Verständnis keinen Sinn zu machen, metaphysische Überlegungen miteinzubeziehen.

 

Anders dagegen die „verinnerlichte Anwendung“. Diese wirkt bereits auf subtiler Ebene.

„Verinnerlicht“ enthält natürlich mehrere Aspekte. Hauptsächlich der, dass die philosophischen Methoden quasi automatisiert im Denken ablaufen. Ein zweiter entscheidender Aspekt : die Methoden werden  themenübergreifend angewandt.

Zusammenfassend könnte man sagen : während sich in der abstrakten Anwendung die Methodik gemäss dem Thema beschränkt, sind die Methoden in der verinnerlichten Anwendung stets präsent.

 

Nun, ich bin mir durchaus bewusst, dass es dazu einige Einwände gibt. Gewiss auch manch berechtigte.

Interessant ist, dass diejenigen Philosophierenden welche Philosophie als eine Wissenschaft betrachten, das abstrakte, analytische Verständnis bevorzugen. Darüber könnte man ausführliche Debatten führen, was Philosophierende ja auch machen.

Nach meinem Verständnis wird man der Philosophie nicht gerecht, beschränkt man sie auf die abstrakte, analytische Methodik. Doch ihr gerecht zu werden kann aber auch nicht das Ziel sein. Nein, viel eher wirkt Philosophie aus sich selbst heraus.

Dies lässt wieder einmal daran erinnern dass es in der Philosophie keinerlei institutionelle Verbindlichkeit gibt. Philosophierende müssen sich jedoch untereinander verstehen, wissen was der Andere meinte, wissen was mit welchen Begriffen gemeint ist. Manche sehen dieses Fehlen der institutionellen Verbindlichkeit als einen Mangel. Doch bedeutet dies eine Freiheit, wie sie keine andere Disziplin besitzt. Dadurch dass in der Philosophie die Ansichten akribisch begründet sein sollten, ist diese Freiheit alles andere als nihilistischer Natur!

Der geringe normative Rahmen der Philosophie bestätigt und untermauert das Verständnis der methodischen Verinnerlichung.

(fortsetzung)

Dem vierten Punkt kommt noch eine weitere Bedeutung zu. So haben wir den Drang unser Leben auszufüllen. Dieses menschliche Bedürfnis welches über „sinnvolles tun“ hinausgeht, erfüllt unser Dasein. „Horror vacui“ also im doppelten Sinn.

So sind wir unser begrenzten Lebenszeit bewusst, sodass wir nichts verpassen möchten was den eigenen Bedürfnissen und Wünschen entspricht. Die „Erfüllung“.

Also „horror vacui“ unseres jeweiligen Lebensweges. Persönliche Erfüllung welche am meisten der eigenen Würde entspricht. Entfaltung also die ultimative GewahrWerdung der eigenen Würde!

Daraus ergibt sich, das gleichzeitig jung sein wollen und alte werden möchten. Das jung sein wollen gründet jedoch auf einigen mehreren Faktoren. Vor Allem aber auch darauf, dass man für die Umsetzung seiner seiner Bedürfnisse/Wünsche ja möglichst „funktionieren“ sollte. Und womöglich auch, dass wir in ersehnte Situationen möglichst unbefangen „hineintreten“ wollen.

Denn die Befreiung vor Entscheidungen bewahrt uns auch vor Reue. Im Gegenzug dazu wähnen wir uns ja stolz auf sich im Nachhinein als richtig erwiesene Entscheidungen.

 

„horror vacui“ ist rein begrifflicher Natur.

Eine Art metaphysische und zugleich kosmologische Konstante. Und ebenso zugleich, auf den Menschen übertragen, sein Streben nach Erfüllung. Also ein essentiales Element seines Sein’s.

Es entspricht auch der Absage an das Nichts.

Und bereits diese Vergegenwärtigung zieht weitere Überlegungen nach sich . . .

„Horror Vacui“ beschreibt die „Furcht vor der Leere“. Konkret war ursprünglich mit diesem Begriff gemeint, die Natur neige dazu Leerräume aufzufüllen.

Und die Befürworter dieses naturalistischen, metaphysischen Grundsatzes sollten später durch die moderne Naturwissenschaft Recht behalten. Dank Vakuumflukation und materienlosen Wellen/wechselwirkende Felder welche ein Vakuum durchziehen.

Doch das „horror vacui“ besitzt noch eine weitere Bedeutung: Die Bedeutung des „horror vacui“ lässt sich h also auf den Menschen übertragen. Und zwar gar noch im mehrfachen Sinn.

1. Wir handeln immer, sind immer irgendwie tätig

2. Wir sind (im Wachzustand) immer in Wahrnehmung

3. Wir befinden uns permanent in einem/dem Verhalten

4. Wir haben immer Ziele oder Gründe für unser Handeln (wen diese sich auch oft erst in der Rekonstruktion offenbaren)

 

Punkt 1 trifft prinzipiell auf die ganze Natur zu. ja, sogar auf das kosmologische Gebilde, auf den Kosmos. Es ist immer und überall etwas „tätig“.

Also doch „panta rhei“? Im kosmologischen Kontext betrachtet, ergänzen sich „panta rhei“ und „horror vacui“ verblüffend! Ist das eine sogar Enität für das andere?

Und bestätigen Erkenntnisse aus Physik (zB Gravitation), Chemie und Biologie (zB auf molekularbiologischer Ebene) nicht deren Allgegenwärtigkeit? Eine Art begriffliche, erkenntnistheoretische Naturkonstante?

 

Der zweite Punkt sollte uns ja gewiss sein. Wir nehmen unablässig wahr. Entsprechend der dritte Punkt. Von den Vertretern des Determinismus wird er gerne als Argument angeführt. Doch fälschlicherweise, denn dass wir uns permanent im Verhalten und Handeln befinden, sagt noch nichts darüber aus, ob wir einen freien Willen besässen. Oder eben nicht. Denn dieser Punkt ist auf den ersten zurückzuführen. Aber dennoch ist er getrennt davon zu betrachten. Entscheidend dafür ist der Umstand, dass wir unser Verhalten/Handeln bewusst sind. Oder zumindest es uns bewusst sein können.

Wenn wir von Ereignissen sprechen, sie thematisieren (und sei es auf noch so trivialer Ebene), so sprechen wir auch darüber, was wohl zu diesen Ereignissen geführt haben mag. Die Gegebenheiten, die Umstände, die möglichen Motivationen, Beweggründe und natürlich die Folgen.

Sprechen wir über Handlungen/Verhalten, so werten wir auch darüber. Und in diesem Werten erwähnen wir auch stets Alternativhandlungen anhand von Beispielen.

Auffällig ist, dass wir beim thematisieren über Handlungen intensiver und vor Allem noch mehr, also quasi „gegebener“ werten. Es scheint beinahe eine Enität zu sein über Handlungen zu urteilen.

 

Könnte man sagen : je näher der Mensch sich selber stellt, desto weniger vermag er sich aus Distanz zu betrachten? Sogar die Jurisprudenz hat sich diesem Gedanken angenommen und den Begriff „Befangenheit“ eingeführt.

Das „horror vacui“ erfüllt also auch in der Ethik den Zweck. Im zeitlichen Kontext Vergangenheit – Jetzt – Zukunft offenbart sich das „horror vacui“ als sinngebend. So können wir Handlungen rekonstruieren (Vergangenheit), aber über sie auch hypothetisch urteilen (Futur).

Dagegen wähnen wir uns im Abwägen über Handlungen im Jetzt auffälligerweise in der Tat „befangen“. Oder : am meisten, am intensivsten befangen.

Immer wieder stellen wir uns fragen über’s Verhalten. In der Regel tun wir dies anhand Geschehenen, aufgrund sich ereigneter Situationen.

Sehr schnell verfängt man sich dabei im Positionen zu beziehen. Denn aufgrund bereits bestehender Positionen fällt es und einfacher zu werten.

Doch nicht nur das. Fragen über’s Verhalten sind uns auch Fragen über Identität.

Ja, wir koppeln Verhalten direkt an Identität. Und je mehr man von von der Situation selber betroffen ist, und je mehr es gar um’s eigene Verhalten geht.

So scheint es beinahe, als wäre Verhalten durch Identität gerechtfertigt.

Und argumentativ erklären wir dies per Recht. Quasi : „ich bin ich und habe das Recht zu handeln“. Die Identität scheint uns nicht mehr tiefer ergründbares Konstrukt des eigenen Sein’s. Identität und Sein werden somit gleichgesetzt. Doch ist dem auch so?

 

Mit „Identität“ lässt sich Vieles assoziieren, beinhaltet manche Elemente, einige Faktoren. In Fragen um Verhalten lässt sich nicht mehr weiter ergründen als Identität. Sie begründet das nicht mehr brechbare Koordinatennetz. Sie ist sowohl der Raum, die Zeit, als auch Herkunft, Kultur, Bildung und somit Prägung, als auch Beschaffenheit.

Rechtfertigt dies unser Handeln, unser Verhalten?

Oder entsprechen diese Koordinaten nur einem Konstrukt? Neigen wir daher so zum abstrahieren unseren Sein’s, damit wir dieses Konstrukt direkt in die Erklärungsversuche übertragen können?

Fest steht : wir sind unsere Identität.

Ist also Identität das Sein? Oder gründet dies noch tiefer als die konstruirbare und damit im Bewusstsein erfassbare Identität?

 

Tatsache ist, dass sich über die Elemente der Identität auch einfacher Positionen erstellen lassen. Ob Herkunft, Kultur usw.

Solche Positionen erst einmal gegenübergestellt, konfrontieren sich auch. Niemand besitzt die gleichen Koordinaten. Tatsache ist und bleibt aber auch, dass wir uns über diese Koordinaten der Identität zu einem wesentlichen Teil definieren.

 

Doch diesen Faktoren des Sein’s steht etwas anderes gegenüber : das in der Welt übergeordnete Sein. Tatsache ist, dass unsere jede Identität auf diesem übergeordnetem Sein beruht. Wir nennen es Natur, wir nennen es Gott.

Wir nennen es das Gute. Wir nennen es Wahrheit.

Gründend im urmenschlichem Bewusstsein der Abstraktion zwischen Wahrem und Unwahrem, zwischen Wahrscheinlichem und Unwahrscheinlichem, zwischen Hypothese und Realität, ist uns das Übergeordnete verinnerlicht. Dies bewegt uns zur Spekulation über das was uns nicht, uns noch nicht, gewahr ist.

Dem Allem gegenüber steht unser Sein. Welches wir über unsere Identität definieren und versinnbildlichen, gar konstruieren. 

Ein Phänomen macht sich nun bemerkbar : je tiefer und je gleichzeitig übergeordneter wir ergründen, desto schwerer fällt uns die Abstraktion. Die Dinge, die Faktoren und Aspekte verschmelzen. Zu einem Ganzen.

Die Frage nach Kohärenz zwischen Identität und dem Guten im Verhalten, lässt sich immer weniger trennen.

Was übrig bleibt ist das Sein. Das Sein, auf subtilster Stufe welches sich nicht mehr weiter ergründen lässt.

Dieses Sein ist uns gewahr, lässt sich nicht leugnen, es lässt sich nicht darüber verhandeln.

Dieses Sein lässt uns den Handlungsspielraum offen, welches sich innerhalb der Identität bewegt.

Der Mensch besitzt eine besondere Eigenschaft. Er will das Gute.

Völlig unabhängig davon was man als „gut“ bezeichnet, ist das Gute stets das zu erreichende Ideal. Manchmal handelt es sich um utopische Idealvorstellungen, manchmal um Abwägung aus Situation, Perspektive und dem Wünschenswertem. Aber es selbst Diejenigen welche das Ungute für Gut halten. Ganz bewusst. Dies wird oft mit Ablehnung zu gesellschaftlichen Konventionen erklärt. Oder auch mit Motivation für Verwerfliches. Doch Tatsache ist, dass auch ein Solcher das Schlechte als das Gute bezeichnet, er hält er für gut, das Schlechte zu zelebrieren usw.

 

Das Streben nach dem Guten ist das Streben nach dem Ideal, nach Komfort, nach dem besseren Zustand. Rhetorisch-argumentativ gerechtfertigt mit Existenzsicherung. Mit dem Recht auf Existenzsicherung.

Ob es um juristische, soziale Gerechtigkeit, um erkenntnistheoretische Wahrheit, um politische Regelungen handelt : die Nennung, die Motivation und Berufung auf das Gute stets als oberste Verbindlichkeit.

Ist es also ein Mangel, eine menschliche Tragödie stets nach dem Guten zu trachten, sich aber nie darin einig zu sein, was denn nun das Gute sein soll? Sich in Interessekonflikten zu zermartern, nur weil die perspektivischen Positionen anders sind? Dem Anderen seine Identität in Frage zu stellen, weil diesem in der Definition und Vorstellung über das erstrebenswerte Gute anderes vorschwebt?

Aber warum denn das Streben, der Drang nach dem übergeordnetem Guten? Sollten wir diese Vorstellung, dieses Streben zu Gunsten des Friedens wohl besser aufgeben? Denn unsere Interessenkollisionen führen ja unweigerlich zu Auseinandersetzungen. Führen dazu, dass wir in der Umsetzung im „Mittel zum Zweck“ das Gute manchmal ignorieren, manchmal treten und bewusst verleugnen müssen.

„Müssen“ wir? Oder dürfen wir?

Ist unser soziologischer, politischer und auch technischer oder mentaler Fortschritt nicht selbst gewählt? Eben im Streben nach dem Guten?

 

Selbst diese Fragen verlangen nach sorgfältiger Abwägung! Wir können gar nicht anders, als uns gute Zustände zu wünschen! Wir können gar nicht anders, als unsere jeweilige Interessen und Motivationen als die Erstrebenswerten zu empfinden.

Daher : aufgeben und verwerfen sollten wir dieses Streben gar nicht! Sondern es uns attestieren und auch Denen die mit unseren Interessen kollidieren.

Das Allem übergeordnete, das allgergrundsätzlichste Gute ist somit ontologischer Natur. Ist tiefster Sinn unser aller Motivation. Es befindet sich auf einer Stufe, auf welcher noch nicht gewertet wird.

Dies erklärt auch die darin enthaltene Tragik.

Tragödien welche im Namen und auf rhetorischer Berufung auf das Gute geschahen und geschehen. Ernüchternd erklärt es auch, weshalb auf Gutes nicht immer Gutes folgt. Erst dies erklärt es, warum wir Menschen zu Handlungen fähig sind, welcher jedem Sinn für Gerechtigkeit spotten. Weil wir grundsätzlichst die Interessen und weiteren Motivationen automatisch für gut halten, weil wir nach dem Guten streben.

„Ich möchte Gutes für mich“ und „Ich möchte Gutes für Euch“, simpelste rhetorische und gleichzeitig schlagkräftigste Begründung für jegliches Handeln.

Gestern nahm ich mir nach Langem wieder mal die Zeit, um das Internet mit dem Suchwort „Philosophie“ zu durchstöbern.

Da erscheint natürlich allerhand. Der Begriff „Philosophie“ in seiner ganzen umgangssprachlichen Verwendung. Aber natürlich auch „richtige“ Philo-Seiten wie etwa Foren, Institutionen (zB Schulen, Universitäten, Verbände) und Site’s Einzelner welche philosophische Essay’s und Beiträge ins Netz stellen.

Durchsucht jemand der nun aber von der Philosophie unbefangen ist wie ich gestern per Suchmaschinen und Links das Internet nach „Philosophie“, so prägt ihm sich dieses Bild über Philosophie ein.

Nun fragt man sich, ob dieses Bild tatsächlich der Philosophie entspräche.

Dazu gäbe es sowohl ein „ja“ wie aber auch ein „nein“. Klar ist : diese Vorgehensweise zeigt ein Teil der Philosophie wie sie heute gelebt und verstanden wird.

Zum aktiven philosophieren gehört auch der Austausch. Das Internet in all seinen Formen erweitert nun diesen Austausch beinahe unübersichtlich.

Selbstverständlich weisen seriöse Philosophie-Site’s auf Literatur hin. Und auch in Foren erhält man stets Hinweise auf philosophische Literatur, sind gar oft Gegenstand der Diskussionen. Das Internet vermittelt dem Unbefangenen den Eindruck, Literatur sei jedoch nicht mehr notwendig. Online-Lexika’s und Ausführungen/Meinungen über philosophische Begriffe würden das autodidaktische Studium überflüssig machen. So wird oft philosophiert, ohne sich jemals per Literatur in Philosophie eingelesen zu haben. Doch wäre dies wirklich eine Notwendigkeit? Ist das aktive Philosophieren an eingehendes Studium gebunden? Oder vermag das Web diesen doch aufwendigen Bestandteil des Philosophieren’s ersetzen?

 

Ich denke, diese Frage sollte und darf nicht pauschal beantwortet werden. Immerhin bietet das Web in all seinen Informations -und Kommunikationsformen einen guten Einstig in die Welt der Philosophie.

 

Doch gleichzeitig findet eine zu den Stärken des Web’s und auch der Philosophie im allgemeinen paradoxe Entwicklung statt. Nämlich die inhaltlich-thematische Konzentration. Oft erhält man den Eindruck, die Philosophie sei auf wenige Protagonisten beschränkt. Ein paar aus der griechischen Antike und nach einem zeitgeschichtlichen grossen Sprung ein paar aus der frühen bis späten Aufklärung. Und natürlich ein Duzend aus dem 20. Jahrhundert.

Ist man berufstätig oder noch in Ausbildung, hat man eine ausfüllende Freizeit mit mehreren Interessen, so kann es Jahre dauern, bis man sämtliche Werke wichtiger und bekannter Philosophen durchgelesen hat. So erging es auch mir.

Und ein Anspruch, auf ein umfangreiches Lesen der Philosophiewerke kann nicht erhoben werden, es wäre absurd! Zu umfangreich, zu unerfassbar das gesamte literarische Philosophie-Repertoire! So viel könnte man gar nicht lesen. Und : ist auch gar nicht nötig.

 

Das jeweils eigene Philosophieren ist stets eine persönliche Sache. Eigene Vorgehensweise, das eigenen Denken. Verbindlichkeiten ausser sprachlich-begriffliche gibt es keine. Nicht mal institutionelle Verbindlichkeiten wie in den anderen Disziplinen gibt es. Doch bezüglich philosophischer Werke scheint von dieser Freiheit nicht so viel Gebrauch gemacht zu werden, wie es sein könnte. Im Handel vergriffene Werke zeugen davon.

Überhaupt kann die Statistik des Buchhandels als aussagekräftiger Indikator herbeigezogen werden. Auf dieses Thema bezogen, versteht sich.

 

Dass das Internet das Studium philosophischer Werke ersetzen könnte, würde wohl kaum ein langjähig Philosophierender bejahen. Schon gar nicht ein akademisch studierter Philosoph.

Wie so oft ist also das Mittelmass gefragt. Das Mittelmass zwischen Literatur auf Papier und Austausch im Internet. Ein Mittelmass nicht als Kompromiss, sondern in ergänzender Bereicherung . . .

Vor ein paar Tagen schilderte mir  meine Mutter eine Anekdote aus meinen Kindestagen. Ich hätte damals ein Lied mit dem Titel „Die Gedanken sind frei“ gesungen. Ja, ich erinnere mich wieder. Vom Lied ist mir jedoch nur der Titel im Refrain geblieben. Damals war ich etwa 7 oder 8 Jahre alt.

 Und damals wusste ich natürlich noch nichts von Neurologie, über Philosophie, Physik und Chaos. Wusste weder etwas über Eigenschaftsdualismus noch über Synapsen. Ich befand mich in einem Alter in dem man noch glaubt, seinen eigenen Schatten überlisten zu können . . .

 Was damals noch kindlich-naive Laune war, ist heute Interesse an Wissen und Streben nach Erkenntnis.

Sind Gedanken frei?

 Was wir wissen : unser Handeln ist insofern frei, wie es der Rahmen der gegenwärtigen Situation und Umstände erlaubt. Mittlerweile trat die Neurowissenschaft in disziplinarisch-thematische Konkurrenz zur Philosophie. Zur Philosophie des Geistes. Da enorm viel messbar ist, liegt es auf der Hand, die elektrochemischen Ströme anhand Intensität, Potential, Häufigkeit und Lokalisierung  usw zu deuten. Es liegt auf der Hand, dass dieser erfassbaren, messbaren Empirie eine weitere Empirie zu Grunde liegt. Die biologische Funktionalität quasi der Schlüssel zum längst ersehnten Erklärungsversuch. In diesem Erklärungsversuch sind die Daten interpretierbar. Doch welche inhaltliche Aussagekraft diese funktionalen Interpretationen besitzen ist umstritten.

Der Ursprung des Denken’s zu ergründen ist ein altes Anliegen des Menschen. Er möchte wissen, woher seine Gedanken stammen. Möchte wissen was ihn motiviert, was ihn antreibt. Die Idee, dass sich dahinter ein kausaler Mechanismus verbirgt ist einer dieser grundsätzlicher Erklärungsversuche. So scheint es beinahe angenehmer zu sein, sich vorzustellen, dass unser Denken und Handeln determiniert sei. Das was geschieht quasi Folge des Vorhandenen.

Das einst kulturell-religiöse Schicksal erhielt mit dem neurowissenschaftlichen Determinismus eine neue Form. Nur wird darin das Geschehen nicht mehr von göttlicher Kraft gelenkt, sondern ist vorbestimmt. Dies der augenfälligste Unterschied.

Die Vorstellung von geordneten Mechanismen scheinen beruhigend zu wirken. Doch geben wir damit nicht einen Teil der Verantwortung ab?

Bereits aus der Sicht der Jurisprudenz ist der Determinismus äusserst bedenklich. Denn damit würde ja selbst verwerflichstes Handeln moralisch entschuldbar. Welche Strafe etwa, wäre noch gerechtfertigt, wenn selbst das Denken eines Menschen vorbestimmt wäre? Sein Handeln nichts weiter als Ergebnis der Kombination aus neurologischer, aus biologischer Beschaffenheit sowie Situation?

Gleichzeitig wissen wir aber um unsere immense Vorstellungskraft. Die Imagination geht über das Erlebte hinaus. Ist nicht lediglich Puzzle des Erlebten, sondern ist gleichzeitig parallele Welt. Die Innen -und Aussenwelt. Doch es ist die Verbindung deren, mit der wir uns schwer tun. Unsere Empirie entspricht ganz und gar dem Mesokosmos. Und alles was darunter und darüber liegt, benötigt der Vorstellungskraft, um es sich zu vergegenwärtigen. Im natürlichen Unvermögen auf die Sicht auf Mikrokosmos und Makrokosmos, die ohne Hilfsmittel nicht zustande kommt, neigen wir zu substantivieren. Es bietet eine Art beruhigende Sicherheit, eine Form von Gewissheit, sich an das Gegenständliche festhalten zu können. Der Geist hingegen ist vage, ist subtil, ist un-substanziell, ist gar unberechenbar!

Ist frei . . .

Als Utopie bezeichnen wir umgangssprachlich eine ideologisierende Vorstellung von Zuständen. Dermassen ideologisierend, dass man die darin geschilderten Zustände und Begebenheiten als höchst unwahrscheinlich betrachten.

Doch, ist Utopie einfach unnütze Phantasterei? Oder brauchen wir dieses begriffliche, gedankliche Instrumentarium, um überhaupt Ziele definieren zu können?

Wahrscheinlichkeit des Eintreffen’s eines Ideal’s könnte man in Ernüchterung in Anbetracht der Realität als unnötig abtun. Ideale haben wir. Denken sie uns keineswegs weg, sondern sind uns Antrieb, sind uns Motivation.

Richtet sich der Wert einer idealisierenden Vorstellung an der Wahrscheinlichkeit? Oder an den konkreten Idealen? Darauf lässt sich nicht pauschal antworten.

Dennoch tun wir oft idealisierende Vorstellungen Anderer umgangssprachlich als Utopie ab. Es scheint also der Grad der Wahrscheinlichkeit welcher über die Hypothese urteilt und bei negativer Einschätzung zum Urteil „Utopie“ kommt.

Die Utopie ist hypothetischer Natur. Gedanklich umgesetzte, gelebte Vorstellung einer Idee.

 

Doch was wären wir ohne Utopie? Die Realität ist da, ist ernüchternd. Gleichzeitig drängt uns die Realität zu Zielen, zu Verbesserungen, zu Korrekturen. Diese können bewusst in Utopien geäussert werden. Der Traum vom Besseren, vom durchgehend Guten, gar Idealem.

Die Utopie ist kein Wissen, alles andere als Gewissheit! Utopie zeichnet sich dadurch aus, dass man an sie glaubt. Der Glaube an das Gute; in den Augen das vorschwebende Ideal. Was immer diese diese Ideale sind, darüber lässt sich debattieren, lässt sich austauschen. Doch die Utopie sollten wir uns gegenseitig nicht absprechen . . .

Der gegenwärtige Konflikt in Georgien zeigte einmal mehr wieder wie sehr Positionen vielmehr aus Identifikation als aus ethischen Überlegungen bezogen werden. Ethisch ganz im Sinne des philosophischen Werten’s.

Es scheint, als seien für politische und gesellschaftliche Überlegungen einzig die Identifikation ausschlaggebend. Quasi : „bin das, so bin ich automatisch gegen all das, was nicht kohärent ist“ oder : „Was nicht den eigenen Interessen entspricht, ist Widerspruch“. So stellen sich die US-Amerikaner etwa nicht gegen den russischen Eingriff weil sie prinzipiell gegen eine solche Vorgehensweise wären, sondern weil Georgien in ihrem geopolitischen Interesse steht. Umgekehrt das Selbe für Russland. Diese nehmen nicht Stellung für SüdOssetien, weil ihnen diese etwa sympathisch wären, sondern gleich den Amerikanern aus geopolitischen Interessen.

Doch der Konflikt im Kaukasus wiederspiegelt lediglich das, was uns längst verinnerlicht ist. Nämlich das Urteilen, das Werten gemäss dem Prinzip „Das Mittel heilt den Zweck und der Zweck ist das eigene Interesse“.

Es stimmt bedenklich, wenn dies zur einzigen Grundlage unseres Urteilens würde . . .