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Und wieder ist viel Zeit verstrichen. Bald ein Jahr seit dem letzen Blogbeitrag.

Mh, schaut hiehr überhaupt noch jemand herein?

Was in diesem Jahr in der Welt passiert ist, das brauche ich ja nicht noch zu erwähnen. Überascht hat ja so einiges. Wer hätte gedacht dass Papst Benedikt zukrück treten würde? Nach der Wahl des neuen Papst fragte ich mich des öfteren, was wohl Benedikt tun würde. Was seine tatsächlichern Beweggründe zum Rücktritt waren, wie er sich nun plötzlich von der Öffentlichkeit fernhalten muss und was er vom neuen Papst hält.

Bei mir hat sich einiges getan. Nichts Spektakuläres, aber immerhin. Die Fotografie hat bei mir zwischenzeitlich stagniert, vielmehr in den Vordergrund rückte ein lang geplantes „Projekt“. Dazu irgendwann mal.

Wie ich vor bald einem Jahr mal bekannt gab, hat sich der Computer von „notwendigem Übel“ mittlerweile zum willkommenen Arbeitsgerät gemausert. In diesem Blog darüber zu berichten, ist mir eigentlich zu schade, daher ziehe ich es in Erwähnung, einen ZweitBlog aufzumachen. Korrekter gesagt : der vierte mittlerweile 🙂

Mein letzter Beitrag hier datiert vom Dezember 2009.

Ja, es hat sich viel getan – und eigentlich doch nicht.

Getan hat sich insofern bei mir ‚was, dass ich meine fotografische Tätigkeit intensivierte. Mitte ’09 stellte ich allmählich eine gewisse „Forumsmüdigkeit“ fest und war kaum mehr in den bis dahin rege aktiv genutzten Foren aktiv.

Dafür erhielten persönliche, also echte, reale Gespräche wieder mehr Gewicht. Und eben wie erwähnt die Fotografie.
So fotografierte ich enorm viel, beschäftigte mich mit der Fotografie und nicht zuletzt kam auch sowas wie eine „Sammlerleidenschaft“ auf. Gewiss in zu richtigen Sammler sehr bescheidenem Rahmen und es ging mir dabei auch immer um Praxisrelevanz und weniger um’s sammlerische „Haben-wollen“.

Aber inzwischen habe ich mich auch mit der Digitalfotografie arrangiert, habe seit Winter eine DSLR inkl was für so dazugehört. Weniger ein Gesinnungswandel, sondern nun endlich auch tatsächlich mal eine Kamera die mir genau zusagte. Dennoch bleibt’s beim Alten denn Analogfotografie ist nicht zu ersetzen 🙂

In einem ganz anderen technischen Bereich hat sich auch noch ‚was geändert und zwar hinsichtlich PC’s. Waren mir Computer zuvor eher „notwendiges Übel“, habe ich mch damit nun angefreundet. Als ich mir Ende ’10 einen neuen PC kaufte, installierte ich mir mal spontan eine Linux-Distribution auf dem alten Läptop. Und war sehr angetan davon. Nein, es geht mir dabei nicht um „besseres oder schlechtees OS“, sondern ich erhielt dadurch überhaupt ein tieferes Verständnis für ein OS, generell wie PC’s funktionieren.

Dennoch : es gibt besseres als am PC zu sitzen. Und überhaupt bin ich der „digitalen Welt“ nach wie vor eher skeptisch eingestellt.

Tja, und auch in der Welt hat sich einiges getan. Eine Krise folgt der nächsten und Weltuntergangsbeschwörerer haben Hochkonjunktur. Finzanzkrise, „Arabischer Frühling“, Umweltkathastrophen wie im Jahr ’11 (Japan, Thailand, Dürre in USA usw usw).

Klar, vor allem jenes Ereignis März ’11 in Japan war ein Besonderes, dessen Tragweite nicht zuletzt auf menschliche „Hand“ zurückzuführen. Doch man braucht nur mal die Historie de letzten zwei Dekaden anzusehen und man realisiert schnell, dass der von Vielen gewonnener „apokalyptische“ Eindruck täuscht.

Erstaunlich wenig geändert hat sich an den zentralen Themen. Ja, der „arabische Frühling“ kam hinzu und zeigte längst auch seine hässliche Seite. Beispiel Syrien und die Stagnation in Ägypten wo „Freiheit“ offenbar jeder anders zu interpretieren scheint.
 Hand auf’s Herz : wer hätt’s gedacht, dass in so vielen arabischen/muslimischen Ländern deren Bevölkerung aufsteht und sich gegen ihre Regimes wenden? Zumal noch aus eigener Kraft, erstaunlich konsequent und beharrlich.

Und in unserem kulturellen Breitengraden zeigte sich leider, dass Faschismus noch längst kein zu unterschätztendes Thema ist. Ob ein Wahnsinniger wie Breivik in Norwegen oder die Neonazi-Terrorgruppe aus Zwickau.

Auch in Sachen Religion rsp „was darf Religion“ werden immer wieder neue Themen debattiert. So gaben missionierende Moslems in Deutschland zu reden, wei auch kürzlich das Kölner Urteil des Beschneidungsverbots. Welches bedauerlcherweise in der Schweiz zumindest bis auf weiteres vom zürcher Kinderspital übernommen wurde. Meiner Ansicht nach unverständlich.

Die  zunehmende Polarisierung bezüglich dem Islam findet ja nicht einfach so und irgendwie statt. Sondern bereits in einer Diskussionskultur die es mal zu nennen gilt.  

Heutige Diskussionskultur sowohl auf politischer, kultureller, religiöser, grundsatzethischer Ebene zeichnet sich vor Allem durch zwei Dinge aus : Polarisierung (Verhärtung & Extremisierung der Standpunkte) und Reaktionismus aus.

Missstände veranlassen in der heutigen Diskussionskultur Menschen vermehrt zu voreiligen Schlüssen, zu voreiligen Massnahmen. Recht gegen Recht, sofort aufkommender Alarmismus bei Bekanntwerden eines Missstands. Da werden oftmals Massnahmen gefordert, welche alle Vernunft vermissen lässt. Das Unrecht eines Jenen gilt als Anlass, selber Unrecht anzutun, gilt als Anlass rechtsstaatliche Grundsätze bei Seite zu lassen. Hauptsache man ist das Problem los. Sieht man Unrecht in eigener Sache, so ist die Empörung gross und schlägt zurück.

Wohin führt eine solche Diskussionskultur? Wo ausgearbeitete Vernunft in der lauten Empörung, in extremen Statements untergehen zu scheint?

"Eine Meinung sagt noch nichts über deren Richtigkeit" und "Die Folgen eines Problems aus der Welt zu schaffen heißt noch nicht, dass deren Ursachen ebenso aus der Welt geschaffen sind, sie könnten latent nach wie vor vorhanden bleiben".

Die Individuen einer freien Gesellschaft verfügen nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch Handlungsfreiheit – besser gesagt Entscheidungsfreiheit. Man kann also sagen : innerhalb der rechtstaatlichen Gesetze gelten diese Individual-Freiheiten.

Dies, aus aufklärerischer Sicht auch die Grundlage dafür, das die Individuen in einer Basis-Demokratie ihre Regierung selber wählt.

Doch Entscheidung verlangt Verantwortung. Sich und Anderen gegenüber. Diese Verantwortung wird rhetorisch auch des Öfteren erwähnt. Aber auch das Argumentieren unterliegt Verantwortung.

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr der Polarisierung besteht darin, dass essentielle Probleme untergehen könnten. Also Aspekte, Probleme die grundsätzlicher und langfristiger Natur sind und im Alarmismus und Reaktionismus untergehen, weil dort die Problem-Themen für sich beansprucht werden.

"Leben wir eigentlich in eine Problemgesellschaft?", muss beinahe gefragt werden.  Überall Probleme, überall gegenläufige Standpunkte.

Ein typischer Effekt unserer Zeit : werden Standpunkte extrem und undifferenziert geäußert, bedarf es an Energie und Aufwand, diese extreme Standpunkte zuerst einmal argumentativ zu klären. Somit ist man schlussendlich viel mehr mit argumentieren beschäftigt, als mit der eigentlichen Problemlösung.

Das Recht eine Meinung zu äussern, sagt noch nicht über deren Richtigkeit aus. Standpunkte wollen begründet sein, damit man ihr Wahrheitsgehalt eruieren kann.

Doch allzuoft erlaubt die knappe Zeit oder Aufwand es nicht, genug differenziert zu debattieren. Umso entscheidender ist es, von Beginn weg differenziert zu argumentieren, ansonsten läuft man Gefahr, dass Debatten in eigentliche "Argumentationsschlachten" ausarten.

Das Einnehmen von Standpunkten unterliegt zu oft psychologischen Mechanismen, welche sich Beteiligte zu wenig oder gar nicht bewusst sind. Eine Meinung wird sehr oft mit der eigenen Person identifiziert, oft auch daher, weil die eigene Identität von der Thematik betroffen ist. Also "inhaltliche Befangenheit". An dieser stelle sei mal bewusst gemacht, in wie vielen Problemstellungen wir heute selbst befangen sind. Gerade in kulturellen und religiösen oder ideologischen sowie grundsatzethischen Fragen. Vor Allem Faktoren wie Zugehörigkeit spielen da eine zentrale Rolle.

Auch müsste man sich manchmal eingestehen, das es in vielen Fragestellungen keine wertneutrale Sicht, keine unabhängige Perspektive, gar Wahrheit gibt. Sondern lediglich perspektivische Positionen.

Wie nicht anders zu erwarten ging auch in den vergangenen Tagen die Argumentation hinsichtlich des schweizerischen Minarett-Verbots weiter.

Demonstration in Bern an die der umstrittene Deutsche Pierre Vogel aufgrund eines Einreiseverbots trotz angekündigter Widersetzung nicht erschien. Pierre Vogel der umstrittene deutsche muslimische Missionar. Stattdessen versuchte die Veranstaltung Werbung für den Islam zu machen und stand in der Parole „Der Islam ist die Religion die den Frauen am meisten Freiheit gewährt“.

Auch vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkosy war zu hören. Von einem Zeitungsartikel in den er Verständnis für das schweizer Stimmresultat kund tat, die Abstimmung selber jedoch unrechtmässig hinstellte.

Auch mehren sich die naturgemäß etwas länger angesetzte Stellungsnahmen der anders-religiösen Geistlichen. Also aus christlichen und jüdischen Kreisen. Obschon sich auch diese bereits im Vorfeld der Abstimmung gegen die Initiative, also gegen das Minarett-Verbot stellten.

Dies ja nur verständlich da sie eigene Einschränkungen hinsichtlich religiöser öffentlicher Belange befürchten.

Und die Reaktionen auf den vom Vatikan neu bestimmten Weihbischof für Zürich, Marian Eleganti bestätigen dies.

Aber diese dem römisch-katholischen Erzkonservatismus skeptischen Reaktionen bestätigen ja nur das was ich bereits bisher schrieb : alle Religionen haben sich dem politischen Plural anzupassen.

Wie sehr aber die Minarett-Debatte-Argumentation in’s Absurde driftet, zeigte ein ironisch gemeinte Aussage vergangene Nacht an meinem Arbeitsplatz. Da sagte ein Arbeiter zu einem deutschen Arbeiter angesichts der Meldung über das Einreiseverbots Pierre Vogels : „Jetzt bringt ihr Deutschen sogar noch moslemische Missionare mit!“

Für die, welche es nicht wissen : die Deutschen stellen in der Schweiz nach Nationalität die größte AusländerGruppe. Und weil die deutsche Mentalität vielen Schweizern nicht behagt kam es schon zu vielen Misstönen.

Eines scheint klar zu sein : die immer wieder von beiden Seiten gehörte Argumentation führt schlussendlich nur in verhärtete Positionen. Nicht nur das : die Argumentationen führen am Wesentlichen vorbei.

Um was im Kern ging es den Schweizer Bürgern am 29.11.’09? Um den Islam?

Nein, um die Schweiz.

Den meisten Schweizern ist der Islam herzlich egal. Wie auch andere religiöse Belange im alltäglichen, säkularen Leben kaum eine Rolle spielen. Die Schweiz blickt auf eine lange Tradition von religiösen Konflikten aber auch deren Konsens zurück.

Vor Allem aber : man hat hierzulande genug von religiösen Konfrontationen. Minarette die nach außen hin stehen wären jedoch nicht nur ein Zeichen der religiösen Vielfalt, sondern ein weiterer Konfliktpunkt.

Eines der wesentlichen Merkmale des Islam, nämlich das er nach außen hin geschlossen auftritt, nach innen jedoch gespalten ist, sehen manche als Gefahr für den Religionsfrieden.

Die „ArgumenationsKeule“ Religionsfreiheit ist tatsächlich legitim, aber nicht Glaubensfreiheit. Ich beginne mich zu wiederholen 🙂

Man muss sich sogar fragen, wo es hinführen würde, wenn der staatliche Souverän nicht mehr über öffentliche religiöse Belange befinden würde. Und in der Schweiz ist der Souverän nun mal der Bürger. Von fundamentalen Kreisen wird gerne angeführt, die Minarett-Abstimmung erinnere an den Nationalsozialismus.

Dabei sei gesagt : Das Nazi-Regime war eine Diktatur bei der die Bürger ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr selber entscheiden konnten, wie sich die Geschicke des Landes entwickeln. Und weshalb wurde dieser Zeitpunkt erreicht? Weil die deutschen Bürger ihre politische Verantwortung 1933 an das diktatorische Regime abgab. Es war nicht mehr gewillt, Verantwortung zu tragen. An dieser Stelle erinnere ich gerne an Erich Fromms‘ „Furcht vor der Freiheit“.

Nichts ist verheerender als falsch verstandene Freiheit!

Denn Freiheit in seinem Wesen gründet auf der Würde des Menschen, im Gesamten der Lebenswürde. Da Würde das oberste Gebot ist, ist sie auch zu schützen. Danach richtet sich folglich der Freiheitsbegriff. Freiheit kann dann eingeschränkt werden, wenn Würde und Recht gefährdet sind. Und : Glaubensfreiheit ist ein Bestandteil der Würde!

Glaubensfreiheit beinhaltet noch einen weiteren, folgenden Aspekt : die Unbeeinflussbarkeit Religionen gegenüber den Individuen. So darf gemäss Definition niemand zur Annahme eines religiösen Glaubens gezwungen werden.

Doch bereits dieser Aspekt hat etwas Ambivalentes, etwas Widersprüchliches in sich. Denn Religion ist vor Allem ein kultureller Aspekt was sich im Thema „Religionszugehörigkeit“ manifestiert. Ich kenne nur eine Konfession welche zB das Offizielle Glaubensbekenntnis hinsichtlich Religionszugehörigkeit ab Mündigkeitsalter propagiert : die Mennoniten. Hierzulande, die „Wiedertäufer“, oder einfach „Täufer“ genannt. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen : die Beweggründe des „Taufens des Mündigen“ hat viel weniger ethische, als religiöse Gründe. Wir dürfen nicht vergessen . als die Glaubensfeiheit als Allgemeines, freiheitliches Gut ausgerufen wurde, war Religionszugehörigkeit nicht nur Sache der Kultur, sondern im Speziellen auch der „territorialen Zugehörigkeit“. Also eine Mischung aus privater, kultureller und territorialer Herkunft. Und wenn wir schon bei den Täufern sind : ausgerechnet deren Bewegung gründete in der Schweiz . . .

Nun aber sollen die Religionszugehörigkeit’s-Aspekte nicht hinterfragt und thematisiert werden, sondern damit möchte ich in Erinnerung rufen, wie unselbstverständlich Religionsfreiheit selbst im Privaten ist. Manche ideologischen, politische Atheisten kamen schon auf die Idee, es Eltern zu verbieten, ihre Kinder taufen zu lassen, und ihnen eine Religionszugehörigkeit aufzudrängen. Danach würden aber die Eltern wieder geltend machen : Religion ist etwas Privates (Glaubensfreiheit) und steht somit im Ermessen der Erziehung. Da hätten wir also ein argumentatives Patt vor uns.

Man sollte die Schweizer Bürger (Im Speziellen diejenigen die für die Initiative stimmten) nicht für dumm verkaufen. Dass das umstrittene Wahlplakat zur Initiative nichts weiter war als schlechte Propaganda, konnten die allermeisten hier sehr wohl einschätzen. Man sollte nun nicht unterstellen, wir meinen, sämtliche Muslime hier würden Bomben auf sich tragen und hätten es auf Andersgläubige abgesehen!! Und man braucht bei einem Volk welches bis in die 70er Jahre auf nationaler Ebene kein Stimmrecht für Frauen kannte, auch keine Islam-Werbung à la „Islam ist die frauenfreundlichste Religion“ zu machen. Man weiss hier sehr wohl, um was es bei solchen Themen geht.

Diese Parole der heutigen Veranstaltung in Bern entstand wohl aufgrund der Statistik, das vornehmlich viele Frauen und junge Wähler für die Minarett-Initiative stimmten. Da fragt sich ironischerweise : wäre es dem Islam besser gekommen, hätte die Schweiz bis heute kein Stimmrecht für Frauen . . . ?

Wer über die Schweizer Minarett-Abstimmung debattiert, sollte auch einige Dinge über die Schweiz wissen. Denn sie fand ja in der Schweiz statt.

Selber stehe ich zu den Religionen und verteidige sie auch gegenüber den politischen Atheisten. Bereits die jüngste Wahl des zürcher Weihbischofs Eleganti zeigt auf, das die Polarisierung von den religiösen Institutionen vor Allem von außerhalb der Schweiz nun zusehends missbraucht wird. Man kann sich vorstellen, das im Vatikan die gegenweärtige Entwicklung sehr aufmerksam verfolgt wird. Die Wahl Elegantis‘ (trotz Alternativen) ist ein Zeichen davon, dass man sich im Vatikan etwas davon verspricht und wohl meint, die schweizer Katholiken seien wieder zu mehr Konservatismus bereit. Selbst das Vorhaben Einiger aus der Reformierten Landeskirche, sich ein einheitliches Glaubensbekenntnis zu geben, wird noch für Gesprächsstoff sorgen. Auf der anderen Seite die sogenannten Liberalisierer die nun Grundsatzdebatten über die direkte Demokratie führen.

Die private Freiheit erachten wir hier als unser höchstes Gut. Wir kenne die religiösen Konflikten aus allen Seiten. Was wir (selbstverständlich auch mit Hilfe der europäischen Aufklärung!) gelernt haben : die Freiheit und Würde steht über jeder religiösen propagierten „Wahrheit“.

Nun scheint es so zu kommen wie es vor zehn Tagen hierzulande Viele befürchteten.

Einem deutschen muslimischen Missionar ist die Einreise in die Schweiz verweigert worden. In einem Nebenschauplatz provozierte im Kanton Solothurn eine Muslimin die Behörde indem sie sie sich zwecks Identifizierung weigerte ihren Schleier abzunhemen. Sie wurde darauf hin von einer Polizistin „entschleiert“ und konnte somit ohne Augen von Männern identifiziert werden. Ein SP-Politiker sagte darauf, dass in solchen Provokationsfällen auf keine Gesuche mehr eingegangen werden sollte. Situation : die Muslimin kam auf’s Amt weil sie Soziahilfe beantragte.

Einige Protagonisten aus dem Islam provozieren nun den Rechtsstaat Schweiz.

Diese meinen nun tatsächlich, beim Minarett-Verbot handle es sich um eine Hetze gegen den Islam. Dabei vergessen sie das, was ich im unteren Beitrag bereits nannte : nämlich das Einschränkungen des Staates gegenüber der Religion betreffend des öffentlichen Raumes alles andere als etwas Unübliches ist. Dass man hier in der Schweiz im Speziellen stets öffentlich über religiöse Belange spricht.Und überhaupt verkennt er, dass die Schweiz auf eine lange Tradition auf religiöse und kulturelle Konflikte wie auch Konsens zurückblick.

Als problematisch ist die Tatsache zu bezeichnen, das die religiös-kulturell motivierten Kritiker  des Minarett-Verbots nicht zwischen Rechtsstaatlichkeit und Meinungsbildung unterscheiden vermögen.

Mögen manche Motivationen und Argumente für das Minarett-Verbot noch so verwerflich sein können, Tatsache ist, dass das Minarett-Verbot in seinem Prinzip die Rechtstaatlichkeit nicht untermauerte, sondern im Gegenteil bekräftigte.

Beinahe sarkastisch mutet es also nun an, das eben solche Kritiker dem genau gleichen Phänomen unterliegen, wie ihre ideologischen Gegner (also die mit den verwerflichen Argumenten). Sie stellen ihre eigene Beweggründe vor allem Anderen und halten alles für Unrecht, was sie nicht bestätigt.

Ebenso wie Religionsfreiheit mit Glaubensfreiheit verwechselt wird (aus rhetorischen Gründen ja ganz praktisch), wird nun „Meinungsfreiheit“ mit Gesinnungsfreiheit verwechselt. Denn wie auch Meinungsfreiheit Grenzen im Öffentlichen Raum erfährt, ist es die Gesinnungsfreiheit welche den privaten Raum meint.

Was ich immer wieder bemängle, scheint sich ebenso zu bewahrheiten : man spricht über den Islam und sämtliche beinhaltende Aspekte, anstatt über Grundlagen zu sprechen. Dies muss man leider beiden Seiten gegenüber scharf kritisieren. Beide Seiten, die nämlich über Werte und Rechte sprechen, ignorieren die Grundlagen solcher Werte und Rechte. Denn beide vergessen : es geht im Kern überhaupt nicht spezifisch um Religion, sondern um Rechtstaatlichkeit!

Die Medien hielten sich zu Beginn nach der Volksabstimmung skeptisch zum Minarett-Verbot. Doch die zunehmenden Provokationen seitens der religiös-kulturell motivierten Gegner des Minarett-Verbots werden nun auch als Solches genannt.

Somit ist das Einreise-Verbot dem Deutschen Pierre Vogel gegenüber mehr als berechtigt. Man ist nicht gewillt, die Debatte noch weiter anheitzen zu lassen. Doch sind diese Kräfte nun auf Konfrontationskurs. Das wird insbesondere einem wie P. Vogel genau diejenigen Gegner einbringen die er möchte um sich dann als Opfer betrachten zu können. Gäbe es einen technischen Weg damit Vogel in der Öffentlichkeit „auftreten“ würde, so täte er langfristig seiner muslimischen Gefolgschaft Schaden an. Denn die Schweiz ist nicht Deutschland. Und Pierre Vogel weiss wohl auch nicht um die Dinge welche die Schweiz der islamischen Welt erweist. Leute wie er – besser gesagt Auftritte von Leuten wie ihm – könnten dem Schaden anrichten.

Wie nun aus den tagesaktuellen Medien zu vernehmen war, fanden sich gegen 600 Leute zur Veranstaltung in Bern ein. Scheinbar velief alles friedlich und der besagte deutsche muslimische Missionar Pierre Vogel kam nicht.

Die am Sonntag angenommene Initiative über das Minarett-Bau-Verbot schlug ja hohe Wellen.

Vor Allem eine Welle der Entrüstung.

Es gibt bestimmt duzende Beweggründe, die 57 % der Stimmende zu einem "Ja" an der Wahlurne veranlasste. Von legitimen, verständlichen, nüchternen bis hin zu fragwürdigen und sogar verwerflichen.  Oft in einer Mischung davon.

Das nun künftige Bau-Verbot von Minaretten ist eine Einschränkung der Religionsfreiheit.

Doch zum Einen muss man sich fragen

– welche andere, bereits längst bestehenden Einschränkungen bezüglich Religionsfreiheit gibt es? In der Schweiz und anderswo.

Zum Anderen :

– Was beinhaltet eigentlich laut Definition "Religionsfreiheit" und Glaubensfreiheit"?

1 ) In der Schweiz kennt man schon lange Einschränkungen der Religionsfreiheit gegenüber. Zum Einen ist die Schweiz geographisch (Kantone) in konfessionelle Gebiete geteilt. Religionsangelegenheiten sind im Konkreten Sache der Kantone.  Im Allgemeinen Sache des Bundes. Wie etwa das neue MinarettVerbot. Religiöse Einschränkungen kann man einige finden.

So etwa das seit 1893 bestehende Schächtverbot. Damals gegenüber der jüdischen Bevölkerung eingeführt. Geschächtet werden dürfen nur Geflügel, aber keine Säugetiere. 1978 wurde dieser in der Bundesverfassung (!) verankerte Artikel in’s Tierschutzgesetzt übertragen. So konnte man die einst antisemitische Motivation in eine andere übertragen. Der "Schutz" der Tiere. Import solches Fleisches ist hingegen gestattet.

Andere Einschränkungen der Religion gegenüber finden sich überall dort, wo Religion öffentlichen Raum "betritt". Und es ist auch der Staat der eine sich "religiöse Gemeinschaft" nennt, ihr diesen Status anerkennt oder aberkennt.

2) Damit ist das wichtigste gesagt. Die Unterscheidung zwischen öffentlichem Raum und privatem Raum.

So gibt es tatsächlich – nicht nur in der Theorie – einen essentiellen Unterscheide zwischen Religionsfreiheit und Glaubensfreiheit.

In der Ganzen Debatte um diese Abstimmung vermisste ich dieser Aspekt in den Diskussionen.

Ein Minarett ist ein religiös-symbolischer Belang der in den öffentlichen Raum greift.

Zumal mit klarem, unmissverständlichem Zweck. Also eben nicht einfach eine architektonische Verzierung.

Das sind christliche KirchenGlocken auch nicht. Der Unterschied : eine Glocke ist ein Geräusch, während dem von einem Minarett ein Geistlicher verbal kund tut.

Würde man nun Religionsfreiheit mit Glaubensfreiheit gleichsetzen, hätte man ein Problem. Denn nur zu viele sich "religiös" nennende Gruppierungen warten schon lange, um als Solches anerkannt zu werden und sich gleichberechtigt äussern zu dürfen. So gelang es in einigen Bundesstaaten der USA den sogenannten Kreatonisten aufgrund der Religionsfreiheit Erfolg zu verbuchen. In ihrem Ziel, an den öffentlichen Schulen kreatonistisches Gedankengut zu lehren.

Und auch hier haben wir einige Sekten die nur darauf warten, als Religion anerkennt zu werden.

Wenn Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Glaubensfreiheit sich decken, so kommt es zwangsläufig zu schwerwiegenden Problemen.

Auf deren anderen Seite stehen die sogenannten "Ideologischen Atheisten" welche Religion am liebsten aus dem öffentlichen Leben verbannen wollen.

Glaubensfreiheit ist ein grundsätzliches Menschenrecht das zwei Dinge beinhaltet :

1. Die Freiheit religiösen Glauben nach eigener Wahl zu praktizieren, und zwar innerhalb der staatlichen Gerichtbarkeit.

2. Niemand darf aufgrund seines religiösen Glaubens verurteilt werden (Gleichheit vor dem Gesetzt).

Aber es gibt auch Vorteile durch Religiösität welche eigentlich zum Schluss kommen lassen und bekräftigen, dass konsequente Religions/Glaubensfreiheit in der Praxis nicht durchführbar ist. Solche Bestimmungen finden sich dort, wo es um öffentliche, um staatliche Ämter geht. Aber auch um Steuereinnahmen usw.

In der Schweiz wird diesbezüglich sogar das außenpolitische Neutralitätsgebot gebrochen. Nämlich bei der Schweizer Garde des Vatikans.  Und es scheint klar, dass diese Ausnahme keiner anderen Konfession/Religion in einem solchem Masse gewährt würde.

Ein thematisch heikler Bereich bei dem sich private Glaubensfreiheit und öffentliche Religiöse Belange kreuzen, ist die Bestattung. Die diesbezüglichen Regelungen sind ja ziemlich kompliziert, weil auch in Absprache mit den jeweiligen Konfessionen/Religionen und regionalen Zuständigkeitsgebieten (Kantone).

Gehört man zB keiner etablierten Konfession/Religion an, kommt es da unweigerlich zu Aufwand und Unstimmigkeiten.

Würde man diese allgemeine Thematik noch weiterführen, so könnte man auch noch die regionale kulturelle Moralität zur Sprache kommen lassen. Denn auch der Staat muss sich ja auf eine bestimmte Moralität festlegen. Und diese ist trotz aller institutioneller verfassungsrechtlicher Unabhängigkeit zu den Religionen traditionell auf ihnen begründet.  Nur haben sich da die jeweiligen etablierten Konfessionen/Religionen mit dem Staat im Laufe der Zeit arrangiert, sind auf einen grundsätzlichen Konsens gekommen. Nur eben in diesen Themen wo sich private Religiösität (oder auch Gesinnung) auf die staatliche Allgemeinheit bzw Öffentlichkeit trifft, kommen die Ungereimtheiten an die Oberfläche.  So auch etwa im heiklen Thema passive/aktive Sterbehilfe.

Ganz grundsätzlich : alle freiheitliche, basis-demokratische Systeme setzen voraus, dass sich die institutionelle Religion dem Staat beugt. Die Religionen müssen sich an die Gesetze halten und nicht umgekehrt.

Der Bürger soll das Recht haben sich auch unabhängig irgendwelcher Religiösität im Staat zu "bewegen", soll das Recht haben unbeeinflusst von religiös-institutioneller Gesinnung am politischen Wirken teilzunehmen. Und der Staat soll im Sinne des Gesetzt auch bei der Religion eingreifen können.

Nur gehen die verschiedenen Staaten diesbezüglich verschiedene Wege. Und auch in den freiheitlichsten Systemen handelt es sich stets um "Mittelwege", denn Kompromisslosigkeit ist in diesem Belang nicht durchführbar.

Unter all diesen Gesichtspunkten ist dann das schweizerische MinarettVerbot also doch keine  Ausnahme in der heutigen Praxis. Ganz im Gegenteil.

Im Speziellen zur Schweiz kommt natürlich noch die direkte Demokratie zum Zuge. Das Schweizer DemokratieSystem funktioniert auf parallelem Weg. Zum Einen die übliche Parteien-Politik, zum Anderen das Initiativrecht. Der sogenannte "Volkswillen". Die Bürger stimmen direkt über eine Sache ab. Die öffentliche Politik betreibt dann Abstimmungskampf und die Stimmbürger entscheiden an der Urne. So erhalten die individuellen Ansichten mehr Gewicht, als die Empfehlungen der Parteien selber. Da gibt es zahlreiche Variationen. So war es exemplarisch   im Vorfeld der Minarett-Initiative der Fall. So gab es auf der rechten Seite des politischen Spektrums solche die die Initiative (vor Allem aus wirtschaftlichen und neutralitätsGründen) ablehnten und im linken (aus frauenrechtlichen und atheistischen Begründungen). Und natürlich auch von "religiös-neutralen" kamen verschiedenste Positionen.

Ich finde, eine Demokratie muss solche grundsätzliche Fragestellungen ertragen und sollte sich nicht in "Gefälligkeitspolitik" üben (Apeasment). Die Bürger sollen über das was sich im öffentlichen Raum abspielt äussern und auch darüber befinden können. Ansonsten hinterfragt sich der Sinn einer Demokratie. Da die Schweiz eine lange Tradition der direkten demokratischen Auseinandersetzung kennt, sind wir es uns auch gewohnt, diesen Einfluss auf die Gestaltung unseres Landes zu nehmen. Dazu gehört auch eine offene Gesprächskultur. Eine politische Kultur in der die Bürger nicht "nur" ihre Protagonisten wählt, sondern eben auch thematisch direkt eingreift (Sachpolitik). Und damit auch Verantwortung übernimmt.

Verantwortung schließt Fehlentscheidungen nicht aus. Ja, und nicht mal Doppelmoral, der sich die schweizer Bürger bewusst sind. Wie zB eine zweite Abstimmung an eben diesem Sonntag dem 29.11.’09 aufzeigte. Von der jedoch kaum mehr irgendwo die Rede ist. Nämlich die  abgelehnte Initiative über ein KriegsmaterialAusfuhrVerbot was  ja im Prinzip gegen die Neutralität verstößt.

Die Folgen der angenommenen MinarettVerbotInitiative sind noch nicht absehbar. Die grosse Empörung zeigt jedoch auf, wie unselbstverständlich solche thematischen Auseinandersetzungen geworden sind. Die Reaktionen zeigen auf der einen Seite wie groß das Bedürfnis nach "kultureller Selbstbestimmung" ist, auf der anderen Seite wie Religion nach wie vor einer der empfindlichsten Bereiche des menschlichen Lebens ist. Möglicherweise wurde dies stark unterschätzt. Eben, weil öffentliche, staatliche Angelegenheiten der Religion reine Sache der staatlichen Politik war/ist. Da verwundert es natürlich kaum, dass Dinge miteinander verwechselt werden, Missverständnisse entstehen und am Schluss all diejenigen Gehör finden, welche lauthals umher rufen und die Sache für ihre eigenen Interessen und Motivationen auslegen und ausschlachten. Die Vernunft scheint da leider wieder einmal mehr zurückgedrängt, obwohl gerade sie da gefragt wäre! Sowohl auf Seite der Befürworter als auch Ablehnende.

Dieses Blog nutze ich seit längerem nicht mehr.

 

Irgendwann mal aufgehört, kam im Selben Konto ein neues Blog hinzu. Schwerpunkt Fotografie.

Das ist hier also das Original-Genussdenker-Blog. Lange unsichtbar, doch nun hat sich mein Horizont wieder Richtung Philosophie verschoben, und so werde ich ihn quasi „saisonal“ weiterführen.

 

Mein Zweites Blog : sieh Link-Liste

Eine Auflistung sämtlicher möglicher Rollen würde den Rahmen eines Blogs freilich sprengen. Wie bereits erwähnt, können Rollen ebenso inhaltlicher wie konstitutioneller Natur sein. Konstitutionelle Rollen entsprechen denen von Berufen, Familien usw. Rollen, welche eng mit der äusserlich wahrnehmbaren Identität verknüpft sind. Dabei kann es sich auch um temporäre Identitätsindikatoren handeln (zB Beruf).

Inhaltliche Rollen (welche zugleich auch konstitutionelle Rollen sein können) werden Menschen oftmals dann gewahr, wenn sie in Gegenüberstellung äquivalenter Rollen stehen. Dies gilt besonders für jene welche sich im kulturellen, im interkulturellen aber auch im religiösen und politisch-ideologischen Rahmen bewegen.

Ein gläubiger, gar praktizierender Christ der auf einen ebensolchen Muslimen trifft und sie miteinander kommunizieren, nimmt für gewöhnlich seine spezifische Rolle ein. Das konkurrenzierende Verhältnis zueinander wird von diesen Rollen dann getragen und beide schöpfen aus ihrem argumentativen Vokabular.

Verschärft sich das konkurrenzierende Verhältnis der beiden, so geht ihre Rhetorik weit über religiöse Belange hinaus. Es offenbart sich dabei, dass Rollen stets miteinander verknüpft sind. Moralethische wie auch besonders politische Belange erweitern folglich das jeweilige Rollenbild. Dabei spricht man bestenfalls von Erweiterung des Themenkreis.

Die Frage, inwiefern Indikatoren einer Identität zur Rollenbildung und schlussendlich zur Meinungsbildung eines argumentierenden Menschen beiträgt, kann nicht mehr ignoriert werden.

Bereits Blaise Pascal der in seinen Pensées das (katholische) Christentum argumentativ verteidigt, offenbart sich an anderer Stelle in seinen Schriften wo er schrieb : „Alle Überlegungen unserer Vernunft laufen darauf hinaus, dem Gefühl nachzugeben“ (B.Pascal ‚Pensées‘ ‚Nicht eingeordnete Papiere’/Serie XXIII)

Diese gewiss naiv geäußerte Aussage ist von elementarer Bedeutung. Damit relativiert Pascal zugleich seine Plädoyer’s. Dass Blaise Pascal mit dieser Aussage seine feurigen Plädoyer gleich selber relativiert, ist für uns von geringerer Bedeutung.  Die heutige Psychologie würde zudem diese Prämisse zu einem gewissen Grad bejahen und es erinnert mich indirekt wieder einmal mehr an „Motivation und Persönlichkeit“ von A.H. Maslow.

Und zwar viel weniger aufgrund seiner Motivationstheorie, sondern seines Begriffes wegen über „Selbstverwirklichung“. Dabei stellt sich für mich die dringende Frage, ob selbstverwirklichende Menschen viel weniger zur Determinierung ihrer Rollen aufgrund ihrer Identitäten neigen.

Auch selbstverwirklichende Menschen nehmen ihre Rollen ein. Doch mögen sich solche Menschen ihrer Rollen bewusster sein und sich auch „außerhalb ihrer Rollen, außerhalb ihrer Identität denken“.

Dies scheint angesichts der Erkenntnis dass Nicht-Selbstverwirklichende vielmehr auf ihre jeweiligen Rollen angewiesen sind zutreffen.

Alleine, in nächtlichen Stunden wie diesen braucht man keine Rolle anderen gegenüber einzunehmen. Könnte man überhaupt so weit gehen und kategorisch sagen „Sobald wir in Kontakt mit anderen Menschen treten, nehmen wir Rollen ein“? Auf kognitive Ebene bezogen, wäre dies durchaus zu bejahen.

Die Rollen sind vielfältig. So ist man etwa innerhalb der Familie Sohn, Tochter, Vater, Mutter, man ist Neffe, Enkel, Onkel, Tante usw. Man ist aber auch zB Stiefvater, Schwiegermutter, Schwiegersohn, Bruder, Schwester usw. Solche Rollen finden wir natürlich auch in der Arbeitswelt. Der „einfache“ Arbeiter, der Chef, das Kader (welche ja auch wiederum oft Chefs sind). In der Gegenüberstellung von Arbeitswelt und Familie erkennt man diesbezüglich leichtens, dass es zwei Grundkategorien gibt : hierarchische Rollenverteilungen und nicht-hierarchische.

Die rechtliche, die juristische Rollenverteilung ist also besonders in hierarchischen Systemen von Bedeutung, aber in letzter Konsequenz auch in nicht-hierarchischen.  Das Käufer – Verkäufer -Verhältnis etwa eines davon.

 

Doch Rollen haben mehr Gehalt als lediglich Macht oder Recht. Sie sind gerade auch inhaltlicher Natur. So nehmen in der Berufswelt Politiker, Künstler, Handwerker usw ihre Rollen ein. Diese Rollen sind oftmals von Stereotypen gezeichnet.

 

Interessant ist, dass der einzelne Mensch stets mehrere Rollen zugleich einnimmt. Ein Künstler kann also zugleich Ehemann, Vater, Käufer (& potenzieller Kunde), Verkäufer, Tourist usw sein. Vielleicht bekleidet er noch ein kommunal-politisches Amt; was also auch immer.

Wie sehr – das ist meine Themenfrage hier – definieren sich Menschen durch Rollen? Dienen sie bloß als rhetorisches Mittel, oder sind sie gar Teil der Identifikation? Wie sehr unterscheiden sich Menschen diesbezüglich?

Selber gehe ich davon aus dass sich selbstverwirklichende Menschen weniger aufgrund ihrer festen und temporären Rollen definieren.

Bei sich weniger selbstverwirklichenden Menschen fällt hingegen auf, dass Sie in Argumenten sehr oft auf die entsprechenden Rollen verweisen. Zur Klarstellung : das Maß der Selbstverwirklichung ist fliessend, man sollte diesen Begriff auch nicht allzu sehr werten.

Ein auffälliges Verweisen auf die Rollen anderer ist für mich ein deutlicher Hinweis auf mangelnde Selbstverwirklichung. Die Rollen dienen solchen Menschen also zur Identifikation. Von Belang scheinen bei solchen die jeweiligen Rollen. Das macht es für sie auch einfacher Recht und Unrecht voneinander zu unterscheiden.

Eine Thematik an die ich nächstes Mal anknüpfen werde.

Die Wahrnehmung über Welt geschieht durch unsere Sinne, durch das was wir fähig sind, wahrzunehmen. Doch nehmen wir ja nicht nur wahr, wir interpretieren, wir deuten auch. Unablässig. Und wir empfinden. Parallel dazu.

Und irgendwann trennen wir zwischen dem Wahrgenommenen, dem Empfundenen, dem Interpretiertem und dem Wissen. Wir kategorisieren, verwerfen und speichern. Zugeordnet nach Priorität. Prioritäten welche unterschieden werden in die welche Bedürfnisse fordern und die, welche nach Vernunft gesetzt werden. Manchmal sind sie miteinander konform, manchmal kollidieren sie.

Vor und nach diesen Vorgängen ist schlussendlich alles Wissen. Informationen. Durch unsereiner selbst erlebt, erarbeitet und verarbeitet. Bereit, bei Bedarf abgerufen zu werden.

So entstehen die „Ideen“ im Leben und die Verständnisse über die Welt. Wir wissen und ahnen, vermuten und vergewissern, dass Teile dieser Ideen und Verständnisse der Wahrheit entsprechen. „Suche nach Wahrheit“. Und in unserer Identität an die wir festhalten, selbst dann wenn sie verdrängt, verleugnet und verfälscht wird, sind wir uns nicht mehr so gewiss, ob die Wahrheit der Identität oder die der Welt außerhalb entspricht. Mechanismen treten in Kraft, um sich die Gedanken so einzurichten, dass sie im Verlauf immer mehr der Kompatibilität entsprechen. Wer könnte schon seine eigene Identität außerhalb der Wahrheit akzeptieren?

 

Wir ahnen, dass sich all diese Ideen, diese Vorstellungen und Verständnisse sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Berufen uns bei Bedarf auf das Recht Individuum zu sein. Alles steht parallel zueinander. Im Drang nach Kompatibilität versuchen wir diesen verräterischen Mangel aufzuheben. Und fordern es Vernunft oder Empfinden, die Dinge isoliert zu betrachten, holen uns unerwartete Ereignisse für einem Moment lang aus diesen Mechanismen, so achten wir uns heimlich, die Verbindungen zwischen den isolierten Dingen aufrecht zu erhalten.

Doch stets empfinden wir dabei und alles was uns widerfährt, gründet in der Auffassung und in der Verarbeitung auf eben diesem Empfinden. So werden wir zu Wesen, die sich verleugnen, die sich hinter Ideen und Begründungen verstecken. Aber stets und unablässig im ambivalenten Begehren, dieses aufbrechen zu lassen.

Die Wahrheit lässt uns nicht wissen, wie sie beschaffen ist und wie sie sich erkennen lässt. Sie kommt nicht zu uns, wir müssen zu ihr. Gleichzeitig umgibt sie uns, in der Gewissheit, dass wir nicht gleichzeitig in alle Richtungen blicken können. So fangen wir das auf, was uns bleibt, strukturieren es, machen es konform.